Kritische Rohstoffe

Ob Akkus, Halbleiter oder Magnete: Sie alle stecken in Smartphones, Windkraftanlagen, Autos und eben auch in Baumaschinen. Diese sind alle auf Seltene Erden angewiesen. Die aktuelle Chipkrise ist ein Warnsignal und zeigt, wie abhängig und wie anfällig unsere Lieferketten sind. „Sollte sich die Halbleiterkrise fortsetzen und verschärfen“, so Klaus Wohlrabe, Leiter der Umfragen beim ifo Institut, prognostiziert er weiter, „wird das auch das Wirtschaftswachstum hierzulande beeinträchtigen.“ Eine aktuelle McKinsey-Analyse zeigt: Rund eine Million Menschen arbeiten hierzulande in Bereichen, die auf die Metalle der Seltenen Erden als Rohstoffe angewiesen sind – zum Beispiel im Automobilbau. Jedes Jahr leisten sie damit einen Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt in der Größenordnung von 150 Milliarden Euro. Fiele der größte Lieferant Seltener Erden aus, wären damit allein in Deutschland insgesamt rund vier Millionen Arbeitsplätze und rund 370 Milliarden Euro an Wertschöpfung bedroht – etwa neun Prozent des gesamten Bruttoinlandsprodukts. Das macht deutlich, welch elementaren Stellenwert die Rohstoffsicherung hat und mit welchen Risiken die Rohstoffversorgung für Unternehmen hierzulande sowohl hinsichtlich der Preise als auch der Mengen verbunden ist.

Weltweit sind rund 470 Lagerstätten von Seltenen Erden bekannt. Zwar liegen knapp 200 von ihnen außerhalb Chinas, dennoch verfügt das Land bei Weitem über die größten Reserven und Produktionsmengen, weshalb der Westen gerade bei der Versorgung mit den sogenannten schweren Seltenen Erden noch für lange Zeit von China abhängig sein wird. Das ist das Ergebnis einer Studie der Deutschen Rohstoffagentur (DERA) in der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR).

Im Schnitt ziehen 15 Jahre ins Land, bis eine Abbaugenehmigung vorliegt. Foto: Zeppelin

Seltene Erden stecken in Magneten, Metalllegierungen oder Katalysatoren und sind gar nicht so selten wie ihr Name vermuten lässt. 16 Elemente zählen zu dieser Gruppe, darunter Lanthan, Neodym, Dysprosium oder Terbium. Sie werden in zahlreichen Hochtechnologiebereichen eingesetzt und sind für die Energie- und Mobilitätswende unersetzlich. Dennoch ist der Markt für Seltene Erden seit vielen Jahren mit unterschiedlichsten Herausforderungen konfrontiert.

„Alle Unternehmen, die derzeit Seltene Erden fördern oder verarbeiten, melden wirtschaftliche Probleme. Auch die in China“, berichtet Dr. Harald Elsner, Mitautor der DERA-Studie. Das Problem: Zwar soll die Nachfrage nach Seltenen Erden zumindest für Permanentmagneten – also für Verwendungen in der Elektromobilität und für Windkraftanlagen – zukünftig deutlich steigen. „Doch noch ist davon auf dem Markt wenig zu merken“, so Dr. Harald Elsner. Besonders kritisch ist weiterhin die Versorgung mit schweren Seltenen Erden. Diese kommen immer noch zu hundert Prozent aus China beziehungsweise werden unter nicht nachhaltigen Bedingungen in Myanmar abgebaut und in China raffiniert. Auch wenn US-Präsident Donald Trump nun im Streit eine Einigung mit Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping erzielte und verschärfte Exportkontrollen auf Seltene Erden für ein Jahr aussetzte, bedeutet das nur eine Verschnaufpause, wie BDI-Geschäftsführer Wolfgang Niedermark gegenüber dem Deutschlandfunk einräumte. Experten fordern schon lange, dass Deutschland unabhängiger werden müsse, und mahnen eine eigene Rohstoffstrategie an. „Es ist richtig, dass die EU jetzt einen Maßnahmenplan anstrebt, der sowohl kurzfristig als auch mittel- und langfristig die Abhängigkeit Europas von China reduziert“, erklärt VDMA-Hauptgeschäftsführer Thilo Brodtmann. So wie es Japan bereits seit 2010 gemacht hat, als es die Folgen eines vorübergehenden Exportstopps von Seltenen Erden zu spüren bekam und die Rohstoffabhängigkeit von China in den Folgejahren dank etlicher Maßnahmen erheblich reduzierte. Das Land suchte nach alternativen Lieferanten, etwa in Australien, und baute dort sowie in Vietnam, Indien und Kasachstan Partnerschaften auf. Zugleich wurden Vorräte angelegt und das Recycling vorangetrieben.

Im Bereich der von der EU als kritisch eingestuften Rohstoffe gewinnt Deutschland aktuell nur die Industrieminerale Fluss- und Schwerspat, Feldspat, Graphit sowie grobkörnigen Quarz beziehungsweise Quarzkies als mögliche Vorprodukte für die Herstellung von Silizium. Allerdings sind auch mehr als hundert Explorationsprojekte in Deutschland erfasst, die zukünftig einen wichtigen Beitrag zur Rohstoffversorgung der heimischen Industrie leisten könnten. Vor wenigen Wochen ließ eine Meldung aufhorchen, womit Deutschland unabhängiger von Lithium werden könnte. In Sachsen-Anhalt wurde eines der weltweit größten projektbezogenen Vorkommen entdeckt, teilte das für die Probebohrungen zuständige Unternehmen Neptune Energy mit. Bis zu 43 Millionen Tonnen sollen in der Altmark liegen. Im Auftrag von Neptune Energy haben die Experten der Unternehmensberatung IW Consult die möglichen ökonomischen Effekte über den gesamten Projektzeitraum untersucht. Demnach läge für die Jahre 2025 bis 2042 die potenzielle deutschlandweite Bruttowertschöpfung im Falle eines voll entwickelten Projektes mit bis zu 25 000 Tonnen jährlicher Lithiumförderung insgesamt bei 6,4 Milliarden Euro. Wie das einzuordnen ist, erklärte Michael Schmidt von der Deutschen Rohstoffagentur gegenüber dem MDR: „Solche Meldungen muss man immer im Kontext sehen. Die angegebene Zahl ist hoch, stammt aus einem Report eines externen Gutachters und bezieht sich auf Ressourcen – also Vorkommen mit begrenzter geologischer Sicherheit, nicht auf wirtschaftlich gewinnbare Reserven. Die Potenziale im Norddeutschen Becken sind aber bekannt, sogar schon seit DDR-Zeiten.“ Dennoch sind Genehmigungsverfahren und hohe Umweltstandards für die Förderung und Gewinnung eine große Hürde.

Dies gilt nicht nur für Seltene Erden wie Lithium, sondern inzwischen auch für Sand und Kies, deren Förderung unter massivem Druck steht. Gerade im Hinblick auf den Bauturbo muss auch der Abbau von Primärrohstoffen nachziehen, was die Erweiterung und Erschließung von Gewinnungsstätten betrifft. „Die Politik muss auch in der Rohstoffpolitik auf Beschleunigung setzen – insbesondere bei Raumordnung, Genehmigungen und Planfeststellung“, so Susanne Funk, Mitglied der MIRO-Geschäftsführung. Laut einer Studie des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung beansprucht ein Genehmigungsverfahren für einen neuen Steinbruch sowie für eine Kies- oder Sandgrube bis zu 15 Jahre. Die Branche trommelt für schlankere und raschere Genehmigungsverfahren, um sich für einen Nachfrageschub bedingt durch den Bauturbo vorzubereiten. ISTE-Hauptgeschäftsführer Thomas Beißwenger geht von einem Anstieg von zehn Prozent bei der Nachfrage nach Sand, Kies und anderen Baustoffen aus. Doch dafür sei man nicht gewappnet. Versorgungsengpässe drohen – zum Beispiel am Niederrhein. Laut aktuellen Branchenberechnungen wird die regionale Gewinnung von Sand und Kies in der Region Niederrhein/Düsseldorf in den kommenden zehn Jahren um bis zu 85 Prozent zurückgehen, wenn keine politischen Gegenmaßnahmen ergriffen werden, so die alarmierende Botschaft bei einer Pressekonferenz der Initiative Zukunft Niederrhein. „Wir stehen vor einem Paradoxon: Milliarden für die Infrastruktur sind da – aber niemand fragt, womit eigentlich gebaut werden soll“, sagt Sascha Kruchen, Geschäftsführer der Initiative. „Wenn wir jetzt nicht handeln, wird die Rohstoffverknappung zur Kostenlawine – für Bauunternehmen, für Kommunen und am Ende für alle Steuerzahler.“ Sorgen machen sich nicht nur Rohstoffbetriebe selbst, sondern auch Firmen, welche die Primärrohstoffe weiterverarbeiten. Jan Steufkens, Prokurist von Redsun in Kevelaer, berichtet: „Für unsere Produktion von Pflaster, Platten und Betonelementen sind wir auf mineralische Rohstoffe angewiesen. Mit Sorge beobachten wir, dass bestehende Abgrabungen auslaufen, die Landesregierung weitere Einschränkungen plant und Betriebe kaum noch Erweiterungen genehmigt bekommen. Uns bleiben kaum Alternativen – es sei denn, wir nehmen massive Transportwege in Kauf, was mit erheblichen Kosten und weiteren, großen Belastungen einhergeht.“ Ein Fünftel des bundesweiten Bedarfs an Sand und Kies wird in Nordrhein-Westfalen produziert – und genutzt. Nirgendwo ist die Abhängigkeit von regionaler Versorgung größer. „Wenn in unserer Region die Produktion einbricht, trifft das die gesamte Bauwirtschaft mit voller Wucht. Infrastrukturprojekte verzögern sich. Baukosten explodieren. Unternehmen wandern ab – oder geben auf“, so Sascha Kruchen.

Derzeit erfolgt die Gewinnung mineralischer Rohstoffe an über 2 700 Standorten im gesamten Bundesgebiet. Doch die Zahl der Gewinnungsbetriebe nimmt bundesweit kontinuierlich ab, da notwendige Anschlussgenehmigungen häufig nicht erteilt werden. Die Erschließung zusätzlicher natürlicher Ressourcen ist häufig aufgrund von Naturschutzbelangen begrenzt. Zudem führen Abbauprojekte vor dem Hintergrund einer mangelnden öffentlichen Akzeptanz gegenüber der Rohstoffgewinnung zu Konflikten. Daraus resultieren wiederum langwierige Genehmigungsverfahren für die Erweiterung oder Neuerschließung von Gewinnungsflächen und Unsicherheiten bei der Rohstoffsicherung in der Regionalplanung. In vielen Regionen führt dies bereits zu einer angespannten Versorgungslage. So auch im Saarland. Dort werden laut dem Verband der Baustoffindustrie Saarland (VBS) in den nächsten 30 Jahren rund 300 Hektar Abbauflächen benötigt, um die Marktversorgung sicherzustellen. „Die Rohstoffversorgung ist eine Frage der wirtschaftlichen Stabilität und der regionalen Verantwortung. Es muss sichergestellt werden, dass Rohstoffgewinnung auch künftig möglich bleibt“, fordert Dr. Christoph Kopper, Vorsitzender des VBS.

November 2025