Keine Zahlen, kein Erfolg

Tausende Euro für einen Bagger ausgeben und bei seinem Einsatz auf das Bauchgefühl vertrauen? Kann man machen. Aber das kann auch ziemlich teuer werden. Während die Maschinen längst ihre Daten wie Betriebsstunden, Leerlauf, Verbrauch und Tonnagen übertragen, bleiben diese in vielen Bauunternehmen weitgehend ungenutzt. Bernhard Tabert, Produktmanager für Flottenmanagement bei Zeppelin, erklärt, warum gerade unter steigendem Kostendruck Zahlen wichtiger werden und weshalb die teuerste Maschine manchmal diejenige ist, die scheinbar nichts tut.

Baublatt: Viele Unternehmer investieren mehrere Hunderttausend Euro in Baumaschinen, treffen jedoch ihre Entscheidungen auf den Baustellen nach dem Bauchgefühl statt auf Basis der vorhandenen Daten. Woran scheitert die Datennutzung in der Praxis?

Bernhard Tabert, Produktmanager für Flottenmanagement bei Zeppelin. Foto: Zeppelin

Bernhard Tabert: Die Medaille hat wie immer zwei Seiten. Auf der einen Seite sehen wir Unternehmen, die ihre internen Prozesse sehr professionell und schlank mit Maschinendaten organisieren und ihren organisatorischen Aufwand durch Personal drastisch reduziert haben. Auf der anderen Seite sehen wir Unternehmen, die sich sehr schwertun, mit den eigenen Telematikdaten zu arbeiten. Ihr Kerngeschäft ist draußen auf der Baustelle. Dort geht es häufig darum, etwas zu managen, was gerade nicht so läuft, wie es soll. Sie betreiben Schadensbegrenzung und kümmern sich weniger darum, vorausschauend zu agieren, was eigentlich nötig wäre, sondern das Rad am Laufen zu halten. Eine Baustelle ist im Grunde genommen eine Fabrik ohne Dach. Der einzige Unterschied ist, dass der Fertigungsprozess im Freien stattfindet. Aber auch hier müssen Prozesse aufeinander abgestimmt, Maschinen ausgelastet und Abläufe möglichst effizient organisiert werden. Genau dabei können Maschinendaten helfen. Doch dafür müssen sich auch Arbeitsweisen verändern.

Baublatt: Warum erkennen manche Bauunternehmer nicht den Wert, die vorhandenen Daten auszuwerten?

Bernhard Tabert: In der Vergangenheit waren die erwirtschafteten Margen einfach groß genug, um die Unzulänglichkeiten in den eigenen Abläufen auszugleichen. Das ändert sich gerade. Unternehmen berichten uns, dass die guten Zeiten vorbei sind, in denen mehr als genügend Arbeit vorhanden war. Wenn sich statt drei plötzlich zehn Unternehmen um einen Auftrag bewerben, gerät die eigene Marge unter Druck. Gerade wenn der Wettbewerbsdruck steigt, wird es umso wichtiger, die eigenen Kosten genau zu kennen. Es gilt die alte Regel: Keine Zahlen, kein Erfolg. Nur was ich messen kann, kann ich auch als Manager aktiv steuern.

Baublatt: Was ist die häufigste Erkenntnis, die in Maschinendaten übersehen wird?

Bernhard Tabert: Oft sind es ganz alltägliche Abläufe, die sich jeden Tag wiederholen und die niemand mehr hinterfragt, weil sie sich in den letzten Jahren eingeschliffen haben. Wenn ich mir beispielsweise die Daten anschaue und feststelle, dass morgens Baumaschinen 30 bis 45 Minuten warmlaufen und abends noch einmal bis zu 30 Minuten nachlaufen, muss ich fragen: Warum ist das so? Dann stellt sich oft heraus, dass es noch nie eine Fahrerschulung oder -einweisung gab. Der Fahrer weiß es schlichtweg nicht besser. Solche Dinge werden erst sichtbar, wenn ich anfange, die Daten zu sichten und zu hinterfragen.

Überblick über den Leerlauf.

Baublatt: Welcher Fehler kostet Bauunternehmen am meisten Geld und lässt sich mit wenigen Klicks in den Daten sichtbar machen?

Bernhard Tabert: Das Schlimmste ist nicht einmal, dass irgendwo ein Verlust entsteht, das gehört zum Geschäft dazu. Viel schlimmer ist es, nicht zu wissen, dass es ein verdecktes Kostenproblem gibt. Viele Entscheider unterschätzen die finanziellen Auswirkungen von vermeidbarem Leerlauf, weil sie nur an das „bisschen“ Diesel im Leerlauf denken. Das ist jedoch nur die Spitze des Eisberges. Der Service wird früher fällig als nötig, die Maschine sammelt Betriebsstunden, was sich auf den Wiederverkaufswert auswirkt. Die verlängerte Garantie, die nach Betriebsstunden bemessen wird, läuft früher aus als nötig. Am meisten schmerzt jedoch der Kapitalverzehr: Auch wenn die Maschine im Leerlauf „tuckert“, läuft die Kapitaluhr unerbittlich weiter.

Baublatt: Wenn ein Bauunternehmer morgen mit VisionLink startet: Welche Kennzahlen sollte er sich als Erstes ansehen?

Bernhard Tabert: Arbeiten die Maschinen überhaupt dort, wo sie sollen, und was machen die Maschinen am Wochenende? Der zweite Punkt ist der vermeidbare Leerlauf. Ich würde mir insbesondere anschauen, wo Leerlaufintervalle von mehr als fünf Minuten auftreten.

Baublatt: Wo entdecken Unternehmen typischerweise die größten Einsparpotenziale?

Bernhard Tabert: Das können ganz unterschiedliche Stellen im Arbeitsprozess sein. In einem Steinbruch haben wir beispielsweise festgestellt, dass am Vorbrecher regelmäßig lange Wartezeiten entstanden. Über die Jahre ist die Nutzlast der Muldenkipper immer größer geworden, der Aufgabetisch des Vorbrechers ist jedoch nicht mitgewachsen. Wenn die zweite Mulde abkippen will, kann der Trichter das Material nicht mehr aufnehmen. Ein Skw musste immer warten. Diese Zusammenhänge werden interessant, wenn ich nicht nur sehe, dass eine Maschine wartet, sondern auch hinterfrage, warum.

Schon heute nutzt VisionLink den Cat KI-Assistenten.

Baublatt: Können Sie ein konkretes Beispiel nennen, bei dem die Analyse von Maschinendaten zu einer messbaren Verbesserung geführt hat?

Bernhard Tabert: Ein Ansatzpunkt ist die Betankung. Bei großen Maschinen reden wir schnell über 800 bis 1 200 Liter Tankinhalt. Wenn die Pumpe vor Ort nur 50 Liter pro Minute fördert, steht die Maschine entsprechend lang beim Auftanken. Die Frage ist: zwei oder 20 Minuten für 1 000 Liter? Häufig wird der Ablauf nicht mehr hinterfragt, weil es schon immer so war. Erst wenn ich die Stillstandszeiten sehe und nach ihrer Ursache forsche, erkenne ich, wo ich die Abläufe verändern kann. Ein weiteres Beispiel ist eine Flotte mit 20 Cat Maschinen. Es gelang uns mit dem Kunden zusammen, den Leerlaufanteil gegenüber den vorausgegangenen 12 Monaten um 15 Prozent durch Fahrerschulungen zu reduzieren. Eine Maschine kann im Durchschnitt 1 600 Betriebsstunden pro Jahr erreichen, 20 Maschinen kommen schon mal über 4 800 Betriebsstunden, die pro Jahr eingespart werden und sich später in Wertschöpfung umwandeln lassen. Das sind gesparte Kosten, die das Unternehmen gar nicht erst am Markt erwirtschaften muss, und das ist wiederum ein Vorteil bei der nächsten Ausschreibung.

Baublatt: Welche Überraschungen erleben Kunden, wenn sie ihre Flotte erstmals datenbasiert betrachten?

Bernhard Tabert: Gerade kleinere Unternehmen glauben häufig, dass sie alles im Blick haben. Das stimmt in vieler Hinsicht auch. Nehmen wir einen Neun-Tonnen-Bagger, der eine Nutzungsdauer von 10 000 Stunden und einen Leerlauf­anteil von 40 Prozent hat. VisionLink wertet hier automatisch den vermeidbaren Leerlauf aus. Das kann sich schnell auf 2 000 Stunden summieren, in denen die Maschine keine Wertschöpfung erbracht hat. Rechnet man für Kapital, Service und Kraftstoff beispielsweise mit 40 Euro je Stunde, entstehen Größenordnungen von 80 000 Euro. Das sind Kosten, die ich durch Einnahmen erst einmal wieder erwirtschaften muss. Es ist keine Seltenheit, dass bei Maschinenauswertungen auch schon mal der Gegenwert eines Sportwagens dasteht.

Wie sich der vermeidbare Leerlauf auswirkt. Grafiken: Zeppelin

Baublatt: Wie erleichtert mir VisionLink das Leben auf der Baustelle?

Bernhard Tabert: Als Vorarbeiter oder Bauleiter muss ich beispielsweise Transport- und Logistikfragen schnell beantworten oder gegenüber meinem Auftraggeber plausibel belegen können, was tatsächlich geleistet wurde. Heute kann ich auf meinem Smartphone sehen, wo sich meine Maschinen gerade befinden und wie sie gerade arbeiten, und das herstellerübergreifend. Den Maschinenstandort kann ich mit Personen außerhalb meines Unternehmens bequem via WhatsApp für Transporte oder Anlieferungen teilen. Interessant wird das immer, wenn ich auf Baustellen arbeite, wo es keine Hausnummer gibt, wie zum Beispiel auf Linienbaustellen oder in Neubaugebieten, die noch keine Straßennamen haben.

Baublatt: Wie vermeiden Unternehmen, dass VisionLink nur eine weitere Software bleibt, die zwar vorhanden ist, jedoch nicht genutzt wird?

Bernhard Tabert: Die größte Herausforderung ist, dass das Management im Tagesgeschäft von anderen Aufgaben aufgesaugt wird. Eine Havarie hier, fehlendes Material dort, ein ausgefallener Mitarbeiter heute früh, eine nicht funktionierende Maschine oder eine unerwartete Planungsänderung haben in diesem Augenblick immer Vorrang. Dann steht die Datenauswertung schnell hinten an. Ab einem gewissen Punkt benötige ich jedoch Daten, um Baustellen abrechnen zu können. Entweder ich beschaffe sie mit Papier und Bleistift, also klassisch, oder ich nutze die Maschinendaten, die schneller, genauer und günstiger sind als jeder herkömmliche Prozess. Es ist alles reine Kopfsache, das Gewohnte zu verlassen und etwas Neues auszuprobieren. Das einzige Ziel ist, es muss nachher schneller, günstiger und zuverlässiger sein als vorher.

Baublatt: Welche organisatorischen Voraussetzungen braucht es für einen erfolgreichen Einstieg bei der Datenauswertung Ihrer Meinung nach?

Bernhard Tabert: Das Erste sind klare Verantwortlichkeiten im Unternehmen. Telematikdaten sind kein Thema, das sich nebenbei erledigt. Betriebsstunden, Verbräuche und bewegte Tonnagen sind eine andere Form des Kontostandes. Wenn die Geschäftsführung das Thema nicht selbst im Tagesgeschäft betreut, wer betreut das Thema dann? Wenn das nicht sauber geklärt ist, passiert nichts. Das Zweite ist die Inbetriebnahme mit Schulungen der Fahrer, des Führungspersonals und der Anwender. Bevor ich anfange, Telematikdaten zu nutzen, muss ich nachvollziehbar erklären, warum wir das als Unternehmen machen und was wir damit erreichen wollen. Die Schulung umfasst auch, welches Verhalten beispielsweise bei Unterbrechungen im laufenden Betrieb erwartet wird. Ohne Schulung kommt keine Software und keine Prozessänderung zum Fliegen. Das Dritte ist Ausdauer. Datenauswertung und die damit einhergehende Verhaltensänderung bei den eigenen Mitarbeitern ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Ich als Unternehmen muss das Thema konsequent und regelmäßig in Besprechungen mit meinem Führungspersonal und meinen Fahrern ansprechen.

Baublatt: Wer sollte im Unternehmen die Verantwortung für die Datenauswertung übernehmen? Fuhrparkleiter, Bauleiter oder Geschäftsführung?

Bernhard Tabert: In letzter Konsequenz ist es die Aufgabe der Geschäftsführung. Wenn die Geschäftsführung die operative Auswertung nicht selbst leisten kann, muss sie die Aufgabe an jemanden eindeutig delegieren, der ihr dann berichtet. Um das zu erleichtern, verfügt VisionLink über automatische Berichte, die Maschinendaten mundgerecht präsentiert. Wichtig sind hier Kontinuität und regelmäßige Auswertungen.

Baublatt: Wie häufig sollten Unternehmen ihre Daten analysieren? Täglich, wöchentlich oder monatlich?

Bernhard Tabert: Das ist wie bei einem Zeugnis zum Halbjahr: Wenn das Kind mit einem Fünfer nach Hause kommt und im Zeugnis steht „Versetzung gefährdet“, können die Eltern noch reagieren. Am Anfang ist es sinnvoll, täglich auf die Daten zu schauen und den Vortag zu reflektieren. Wenn sich die Prozesse eingespielt haben, reicht eine wöchentliche Betrachtung für Bereichsleiter und eine monatliche Zusammenfassung für die Geschäftsführung. Wichtig ist ein kontinuierlicher Prozess. Viele Unternehmen stellen erst am Jahresende fest, ob es ein gutes oder schlechtes Jahr war, wenn der Steuerberater die Zahlen vorlegt, dann ist das Jahr jedoch bereits gelaufen.

Baublatt: Können Maschinendaten helfen, Investitionsentscheidungen besser zu treffen?

Bernhard Tabert: Auf jeden Fall. Ich kann zunächst rückblickend prüfen, ob die Maschine, die ich vor sechs oder sieben Jahren gekauft habe, tatsächlich das geleistet hat, was ich von ihr erwartet habe. Wie viele Leerlaufstunden ist sie gefahren und wie hoch war der Kraftstoffverbrauch wirklich? Diese Daten bilden die Grundlage für die nächste Investitionsentscheidung. Bei einem Radlader kann ich beispielsweise die gefahrenen Kilometer und die Anzahl der Ladezyklen betrachten. Daraus lässt sich die durchschnittliche Fahrstrecke je Ladezyklus ableiten und erkennen, ob die Maschine überwiegend in kurz reversierenden Einsätzen war, längere Load-and-Carry-Strecken zurückgelegt hat oder dauerhaft als „Betriebstaxi“ genutzt wurde. Dann kann ich wesentlich fundierter entscheiden, welche Maschine und welches Antriebskonzept zum Einsatz passen.

Baublatt: Welche Rolle werden KI und automatisierte Analysen künftig spielen?

Bernhard Tabert: Um KI zielführend einzusetzen und Muster zu erkennen, benötige ich Daten. Wenn keine oder nur rudimentäre Daten vorhanden sind, kann auch die beste KI-Anwendung daraus nichts „zaubern“. Gerade bei Kunden, die eine Flotte von mehreren Herstellern einsetzen, ist es wichtig, die Maschinendaten möglichst in einem System zusammenzuführen. Hierauf kann ich dann automatisierte Analysen mit KI aufsetzen. Entscheidend sind immer zwei Dinge: die Quantität und Qualität der Daten sowie die Genauigkeit der Fragestellung. Die Quantität, also die Datenmenge, ist eine Qualität in sich selbst, um eine gute Frage stellen zu können. Ferner muss ich den Prompt möglichst präzise formulieren. Je genauer die Frage und je besser die Datenbasis ist, desto besser ist auch das Ergebnis. Die Datenqualität und -quantität sind das Fundament, auf dem das Haus der Auswertung steht.

Baublatt: Wo kann ich als VisionLink-Anwender KI heute nutzen?

Bernhard Tabert: Der KI-Assistent ist bereits in der Cat Smartphone- und Desktop-Anwendung von VisionLink integriert. Dort kann ich beispielsweise nach dem Dieselverbrauch oder den Betriebsstunden einer Maschine auf einer bestimmten Baustelle fragen.

Baublatt: Werden Bauunternehmen in einigen Jahren überhaupt noch wettbewerbsfähig sein können, wenn sie ihre Maschinen- und Produktivitätsdaten nicht nutzen?

Bernhard Tabert: Kein Unternehmer muss seine Maschinendaten nutzen. Jeder ist frei in seiner Entscheidung. Aber ein Unternehmer muss davon ausgehen, dass seine direkten Wettbewerber dieselben Informationen und Möglichkeiten haben wie er, und muss dann akzeptieren, dass andere diese Möglichkeiten zu ihrem Vorteil nutzen. In der Vergangenheit sind ganze Industriezweige renommierter Marken verschwunden, weil sie die technologische Weiterentwicklung ignoriert haben. Paradebeispiele hierfür sind mechanische Fotoapparate aus Deutschland, aber auch einige Mobilfunkhersteller. Über sie spricht heute kein Mensch mehr.

Baublatt: Wenn Sie einem Bauunternehmer nur einen einzigen Rat geben dürften, um den Einstieg in die datenbasierte Flottensteuerung zu schaffen: Welcher wäre das?

Bernhard Tabert: Anfangen und nicht aufhören. Jeder, der heute auf Amazon etwas bestellen kann oder WhatsApp nutzt, kann seine Maschinendaten auf seinem eigenen Smartphone sehen und ist sofort aussagefähig.

Oktober 2026