Ein Kommentar von Sonja Reimann
Wenn auf den kommenden Herbstmessen steinexpo, NordBau, GaLaBau oder Innotrans die neueste Technik glänzt, kämpfen viele Bauunternehmen mit der Frage: Wie sollen sie Digitalisierung, Fachkräftemangel und wirtschaftlichen Druck gleichzeitig bewältigen? Die Bauwirtschaft steckt im Krisenmodus und muss sich ausgerechnet in wirtschaftlich schwierigen Zeiten neu erfinden. Viele Unternehmen haben die Reise der Transformation längst begonnen, indem sie Maschinen, Daten und Prozesse miteinander verbinden und neue Technologie wie KI nutzen, während andere noch immer im Tagesgeschäft verharren und in ihren Strukturen feststecken. Der Abstand ist aktuell noch überschaubar. Doch irgendwann ist der Zug abgefahren, sich den Veränderungen zu stellen.
Kritisch gesehen wird von manchem Unternehmer der digitale Vorteil, sodass Aufwand und Nutzen infrage stehen. Eine aktuelle PwC-Studie macht genau diese Diskrepanz sichtbar, die tatsächliche Anwendungen im Arbeitsalltag ausbremst. Hinzu kommt die fehlende Durchgängigkeit in der Umsetzung digitaler Prozesse. Lösungen werden zwar eingeführt, entfalten aber nicht die notwendige Wirkung, da sie nicht konsequent in bestehende Abläufe integriert sind. Dafür wächst der Druck von allen Seiten. Projekte werden komplexer, Schnittstellen zahlreicher, Abstimmungen aufwendiger. Gleichzeitig verschärft sich der Fachkräftemangel – es fehlt nicht nur das Personal, das die neuen Technologien bedienen will, sondern sich auch um die Integration von Prozessen kümmert.
Heute ist ein Bagger vollgepackt mit Sensorik. Assistenzsysteme und Software machen aus dem Eisen einen Technologieträger, der den Fahrer unterstützt und Abläufe verbessert. Baumaschinen sind eng eingebunden in Planung, Ausführung und Abrechnung, was Effizienzvorteile schafft, indem sich im Idealfall Kosten besser managen lassen und man an Geschwindigkeit gewinnt. Die Entscheidung für neue Technologie wirkt sich aus auf Strukturen und Prozesse – ein Schritt, der unausweichlich ist. „Wir werden künftig am Bau mit weniger Menschen mehr leisten müssen. Produktivitätssteigerung ist damit keine Option, sondern eine Notwendigkeit für Baufirmen“, das ist eine klare Ansage von Jürgen Faupel, stellvertretender Präsident der Bundesvereinigung Mittelständischer Bauunternehmen. Die auf den Herbstmessen präsentierten Lösungen versprechen effizientere Abläufe und eine bessere Vernetzung von Maschinen, Menschen und Daten. Genau das braucht eine Branche, die mit immer weniger Personal immer mehr leisten muss.

Bauunternehmen stehen ohnehin vor dem Spagat, unter Zeit- und Kostendruck abzuliefern, was ihre Auftraggeber bestellt haben, und gleichzeitig Visionen zu bauen, die es so noch gar nicht gibt. Das wird überschattet von Unsicherheit, wenn Preise wie zuletzt beim Diesel explodieren und Lieferketten gestört sind. Unvorhergesehene Risiken gehören zum Tagesgeschäft. Bauleiter oder Poliere müssen improvisieren, wenn der Auftraggeber überraschend mit Planänderungen um die Ecke kommt. Selten läuft eine Sache allein aus dem Ruder, sondern es häufen sich die Probleme, die den ganzen Bauablauf durcheinanderbringen und Entscheidungen fordern. Doch das hat eine neue Qualität bekommen.
Die Spielräume werden enger: 2025 erreichte die Zahl der Firmenpleiten den höchsten Stand seit über zehn Jahren, und das Baugewerbe gehört zu den am stärksten betroffenen Branchen. Da ist ein gewaltiger Druck auf dem Kessel. Nicht zuletzt steht Firmen ein Umbruch bevor, ausgelöst durch KI, digitale Baustellen und datengetriebene Prozesse. Sich damit im laufenden Betrieb intensiv zu beschäftigen, bleibt in mancher Baufirma auf der Strecke. Man schiebt das Notwenige lieber auf bis zum nächsten Projekt. Denn das bindet Zeit und Ressourcen, die man, so der Irrglaube, aktuell besser nicht dafür einsetzt, weil man sich lieber auf den Auftrag konzentriert und einen besseren Zeitpunkt abpassen will. Doch wer weiter abwartet und stehen bleibt, wird vom Umbruch überrollt. Denn eines gilt heute mehr denn je: Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.

