Ohne Bagger keine KI

Wer an künstliche Intelligenz denkt, verbindet sie mit OpenAI, Nvidia oder Microsoft. Doch hinter jedem Chatbot, KI-Modell und Rechenzentrum steckt eine reale Infrastruktur, die gebaut und mit Energie versorgt werden muss. Genau hier kommt Caterpillar ins Spiel. Der Konzern profitiert vom weltweiten Ausbau von Rechenzentren gleich mehrfach: Er stellt nicht nur Baumaschinen für Erdarbeiten und die Erschließung bereit, sondern auch Energielösungen für den Betrieb sowie für die Kühlung der Server. Hinzu kommt Technik zur Förderung jener Rohstoffe, ohne die moderne Computerchips und damit KI nicht möglich wären. Nachfrage und Auftragsbestand profitieren deutlich vom KI-Boom. „Dies ist das erste Mal in der Unternehmensgeschichte, dass wir in einem Quartal mehr als 20 Milliarden US-Dollar Umsatz erzielt haben“, sagte Caterpillar-Vorstandsvorsitzender und CEO Joe Creed im August, als die Halbjahreszahlen veröffentlicht wurden. Der Auftragsbestand erreichte einen Rekordwert von über 72 Milliarden US-Dollar – 92 Prozent mehr als vor einem Jahr. Der Konzern erhöhte deshalb seine Umsatzprognose für 2026 und rechnet nun mit einem mittleren bis hohen Wachstum.

Mit dem Monarch Compute Campus entsteht in West Virginia ein mehrstufig ausgebauter Energie- und Infrastrukturstandort, der speziell auf die hohen Anforderungen von KI-Rechenzentren zugeschnitten ist.

Ohne Stromversorgung kein Prompt: KI funktioniert nicht ohne Strom für Server, Speicher und Netzwerktechnik. Ein modernes KI-Rechenzentrum mit einer Leistung von einem Gigawatt verbraucht so viel Strom wie eine Stadt mit rund einer Million Haushalten. Das Training moderner Sprachmodelle erfordert gewaltige Rechenkapazitäten und den parallelen Einsatz Tausender Hochleistungsprozessoren – Tendenz steigend. Laut einer Studie von Roland Berger wird sich die weltweit installierte Rechenzentrumskapazität von 88 Gigawatt im Jahr 2025 auf bis zu 340 Gigawatt bis 2035 fast vervierfachen. Der Anteil von KI an der gesamten Rechenzentrumslast wächst von 20 Prozent heute auf knapp 60 Prozent bis 2035.

KI-Anwendungen und die weltweit wachsende Nachfrage nach KI-Technologien haben einen regelrechten Bauboom ausgelöst. Laut Marktforschungsergebnissen werden bis 2030 bis zu sieben Billionen US-Dollar in Rechenzentren investiert. Die USA allein verfügten 2025 bereits über mehr Rechenzentren als Westeuropa und Asien zusammen. Die jährlichen Investitionen in Rechenzentren verdoppeln sich Prognosen zufolge von rund 500 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024 bereits 2027 auf über eine Billion US-Dollar. Die Investitionsmöglichkeiten reichen weit über Serverräume hinaus und umfassen Stromerzeugung, Netzinfrastruktur, Kühlung, Vernetzung und Halbleiter. Laut Allianz Research werden die USA und China bis 2030 voraussichtlich rund 62 Prozent der weltweit neu hinzukommenden Kapazitäten ausmachen, doch die nächste Investitionswelle nimmt zunehmend globale Ausmaße an. „KI verwandelt die neueste Generation von Rechenzentren von einer spezialisierten Immobilienanlage in eine geschäftskritische Infrastruktur“, sagt Thomas Lillelund, CEO von Allianz Commercial. „Das Investitionsvolumen ist außergewöhnlich, da sich diese Zentren von der traditionellen Datenspeicherung hin zu Anforderungen an Hochleistungsrechner entwickeln. Doch der Erfolg wird zunehmend von der Ausfallsicherheit abhängen. Dazu zählen Stromversorgung, zuverlässige Lieferketten, solide Baukontrollen sowie klimabewusste Standortwahl und Versicherungsprogramme, die das Akkumulationsrisiko widerspiegeln.“ Genau hier beginnt jedoch eines der größten Probleme des KI-Booms: die Versorgung der neuen Rechenzentren mit ausreichend Energie.

Für die erste Ausbaustufe des Monarch Compute Campus in West Virginia liefert Caterpillar Gasgeneratoren mit einer Leistung von zwei Gigawatt – das entspricht dem Strombedarf einer Großstadt mit mehreren Millionen Einwohnern.       Fotos (2): Caterpillar

Denn inzwischen stößt der Ausbau vielerorts an Grenzen. Netzanschlüsse sind knapp, Genehmigungsverfahren langwierig und Stromkapazitäten begrenzt. Ein Unternehmen, das leistungsstarke Generatoren und Energiesysteme, aber auch Notstromaggregate bereitstellt, ist Caterpillar. Wie stark der Konzern inzwischen auf diesem Markt mitmischt und sein Geschäft rund um die KI-Infrastruktur ausbaut, zeigt eine im August 2025 angekündigte Partnerschaft mit Joule Capital Partners und dem Caterpillar Händler Wheeler Machinery. Gemeinsam wollen die Unternehmen in Utah einen KI-Rechenzentrumscampus mit einer Gesamtleistung von vier Gigawatt aufbauen. Caterpillar liefert dafür nicht nur die Stromerzeugung mit Gasgeneratoren, sondern ein komplettes Energiesystem aus Batteriespeichern, Steuerungstechnik sowie Kühl- und Wärmerückgewinnungslösungen. Das Vorhaben ist nicht das einzige, das zeigt, wie stark Caterpillar sein Energiegeschäft inzwischen vorantreibt. Anfang 2026 gab der Konzern gemeinsam mit American Intelligence & Power (AIP) und dem Caterpillar Händler Boyd Cat bekannt, die Energieversorgung für den „Monarch Compute Campus“ in West Virginia aufzubauen. Bereits in der ersten Ausbaustufe sollen zwei Gigawatt Stromerzeugungsleistung bereitgestellt werden, langfristig ist eine Erweiterung auf bis zu acht Gigawatt geplant. Herzstück der Anlage sind schnell regelbare Cat G3516-Erdgasgeneratoren, die durch Batteriespeichersysteme ergänzt werden und die extremen Lastschwankungen moderner KI-Rechenzentren ausgleichen sollen. Die Aggregate können innerhalb weniger Sekunden auf Volllast hochfahren und sind speziell auf die Anforderungen KI-basierter Anwendungen ausgelegt. Anders als klassische Notstromaggregate dienen die Anlagen als dauerhafte Primärstromquelle und erzeugen den benötigten Strom direkt vor Ort. Der Campus soll als weitgehend au­tarke Energieplattform betrieben werden und keine zusätzlichen Netzanschlüsse benötigen. Auch dieses Projekt verdeutlicht den Wandel Caterpillars vom Hersteller von Bau- und Bergbaumaschinen hin zu einem Anbieter integrierter Infrastruktur-, Energie- und Finanzierungslösungen für die KI-Wirtschaft.

KI wird den Einsatz von Cat Baumaschinen grundlegend verändern, um beispielsweise den Fahrer bei der Bedienung seines Baggers zu unterstützen.    Foto: Zeppelin

Dass Caterpillar den steigenden Energiebedarf von KI-Rechenzentren zunehmend als eigenständiges Geschäftsfeld betrachtet, zeigt eine weitere Vereinbarung aus dem Frühjahr 2026. Die Geschäftseinheit PROPWR des Energiedienstleisters ProPetro schloss mit Caterpillar einen Rahmenvertrag über die Energieversorgung mit einer Leistung von bis zu 2,1 Gigawatt. Zusammen mit bereits bestellten Anlagen ergibt sich eine geplante Kapazität von rund 2,6 Gigawatt bis 2032. Die Systeme sollen unter anderem Rechenzentren mit Strom versorgen und unterstreichen die wachsende Bedeutung von Caterpillars Energiegeschäft. Der Konzern liefert dabei nicht nur die Technik, sondern begleitet die Projekte auch mit Servicedienstleistungen und dem Ersatzteilgeschäft. Generatoren, Turbinen und Energiesysteme müssen über viele Jahre gewartet werden. Gerade bei kritischen Rechenzentrumsanwendungen spielen Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit eine zentrale Rolle. Das eröffnet Caterpillar und seinem weltweiten Händlernetz Einnahmen bei Wartungsverträgen.

Auch über einzelne Großprojekte hinaus baut Caterpillar seine Position im Markt für KI-Infrastruktur konsequent aus. So vereinbarte der Konzern im November 2025 eine strategische Zusammenarbeit mit dem Rechenzentrums- und Kühlungsspezialisten Vertiv. Ziel ist die Entwicklung vorkonfigurierter Energie-, Kühl- und Stromverteilungslösungen für KI-Rechenzentren. Während Caterpillar und die Tochtergesellschaft Solar Turbines Gasmotoren, Gasturbinen sowie Systeme zur Stromerzeugung und Wärmerückgewinnung liefern, steuert Vertiv die Stromverteilung, Kühlung und digitale Infrastruktur bei. Gemeinsam wollen die Unternehmen die Planung und Inbetriebnahme neuer Rechenzentren beschleunigen und die Abhängigkeit vom öffentlichen Stromnetz verringern. Für Betreiber soll dies den Zeitaufwand bis zur Inbetriebnahme neuer Kapazitäten verkürzen und gleichzeitig die Energieeffizienz steigern.

Wie stark Caterpillar sein Geschäft rund um die KI-Infrastruktur ausbaut, zeigt eine im August 2025 angekündigte Partnerschaft mit Joule Capital Partners und dem Caterpillar Händler Wheeler Machinery. Sie wollen in Utah einen KI-Rechenzentrumscampus mit einer Gesamtleistung von vier Gigawatt aufbauen. Foto: Joule

Die Chancen für Caterpillar beschränken sich jedoch nicht auf die Energieversorgung: Lange bevor die ersten Server installiert werden, beginnt der Bedarf an Baumaschinen. Denn für Rechenzentren müssen erst Millionen Kubikmeter Boden bewegt, Straßen gebaut, Flächen erschlossen und Fundamente erstellt werden. Der Ausbau der KI-Infrastruktur sorgt deshalb auch für zusätzliche Nachfrage nach Baggern, Dozern, Radladern und anderen schweren Maschinen. Caterpillar bezeichnete Investitionen in Rechenzentren zuletzt selbst als einen wichtigen Wachstumstreiber für das Baugeschäft. Im zweiten Quartal 2026 stieg der Umsatz der Sparte Construc­tion Industries um 35 Prozent. Besonders stark entwickelte sich Nordamerika, wo zahlreiche neue Rechenzentrumsprojekte entstehen und umfangreiche Erd- und Erschließungsarbeiten erforderlich sind.

Während Caterpillar einerseits die Infrastruktur für den KI-Boom bereitstellt, soll die Technologie künftig auch die Maschinen des Unternehmens grundlegend verändern. Grundlage dafür ist die Nvidia-Plattform Jetson Thor, die KI-Berechnungen in Echtzeit direkt auf Cat Baumaschinen ermöglicht. Sie soll die Grundlage für die nächste Generation von Baumaschinen bilden. Geplant sind unter anderem intelligente Assistenzsysteme mit Produktivitäts- und Sicherheitshinweisen, KI-gestützte Bedienerunterstützung in Echtzeit, autonom fahrende Baumaschinen und Maschinenflotten, die Milliarden Daten innerhalb von Millisekunden verarbeiten und auf wechselnde Baustellenbedingungen reagieren können. Auf der CES 2026 stellte Caterpillar mit dem Cat KI-Assistenten bereits einen sprachgesteuerten Assistenten vor, der individuelle Handlungsempfehlungen liefert. Der Assistent soll Maschinisten bei der Bedienung unterstützen, den Wartungsbedarf frühzeitig erkennen und konkrete Handlungsempfehlungen geben. Nach Unternehmensangaben soll die Lösung Sprache, Texte, Bilder und Videos verarbeiten können. Caterpillar verspricht sich davon unter anderem eine schnellere Einarbeitung neuer Fahrer, weniger Bedienfehler und eine höhere Produktivität auf der Baustelle. Die Entwicklung zeigt, dass der Konzern nicht nur vom KI-Boom profitiert, sondern die Technologie zunehmend selbst nutzt, um seine Maschinen intelligenter, produktiver, sicherer und einfacher bedienbar zu machen.

Noch grundlegender ist jedoch eine andere Entwicklung. KI benötigt leistungsfähige Chips. Für deren Herstellung werden große Mengen an Kupfer, Eisen, Lithium und weiteren Rohstoffen benötigt. Diese müssen gefördert, transportiert und verarbeitet werden. Gleichzeitig entstehen neue Stromtrassen, Kraftwerke und Energieinfrastrukturen, um den steigenden Energiebedarf zu decken. Caterpillar stellt für viele dieser Aufgaben Baumaschinen her. Aus Sicht des Unternehmens bilden Bergbau, Energieversorgung und Bauwirtschaft das physische Fundament der digitalen Zukunft. Dieser Gedanke stand auch im Mittelpunkt der Caterpillar-Präsentation auf der CES 2026 in Las Vegas. Dort stellte das Unternehmen die These auf, dass jede digitale Innovation zunächst auf realer Infrastruktur basiert. Die eigentliche Überraschung dabei: Der KI-Boom wird häufig als reine Software-Revolution verstanden. Tatsächlich entsteht die nächste Generation digitaler Technologien auf Baustellen, in Steinbrüchen, Bergwerken, Kraftwerken und Rechenzentren. Während Unternehmen wie Nvidia die Rechenleistung liefern, stellt Caterpillar zunehmend die Infrastruktur bereit, auf der diese Rechenleistung überhaupt erst möglich wird. Oder anders gesagt: Ohne Chips keine KI. Aber ohne Energie, Rohstoffe und Bauleistung wiederum auch keine Chips.

Oktober 2026