Pumpspeicherkraftwerk Kühtai 2 auf der Zielgeraden

31 Millionen Kubikmeter Wasser, zwei reversible Pumpturbinen tief im Berg und eine Investition von rund 1,13 Milliarden Euro: Im Kühtai nimmt eines der größten Energieinfrastrukturprojekte Tirols zunehmend Gestalt an. Während sich der neue Speicher Schritt für Schritt füllt, laufen im unterirdischen Kavernen-Kraftwerk bereits die umfangreichen Test- und Inbetriebsetzungsarbeiten. Im Sommer 2027 soll das Pumpspeicherkraftwerk Kühtai 2 als Erweiterung der Kraftwerksgruppe Sellrain-Silz festlich eröffnet werden.

Die Bauarbeiten begannen im Frühjahr 2021. Der Zubau besteht im Wesentlichen aus dem Kraftwerk Kühtai 2, dem Speicher Kühtai und Beileitungsstollen mit sechs Wasserfassungen. Der neue Speichersee Kühtai wurde im hinteren Längental errichtet. Er fasst 31 Millionen Kubikmeter und ist damit in etwa halb so groß wie der bestehende Speicher Finstertal. Das neue Kraftwerk ist für den Pumpspeicherbetrieb konzipiert. Das Herz des Kraftwerks sind die beiden Pumpturbinen, die zwei Funktionen erfüllen. So wird im Turbinenbetrieb Strom erzeugt. Dabei fließen bis zu 90 m³/s Wasser vom Speicher Finstertal zum Speicher Kühtai talwärts. Im Pumpbetrieb wiederum wird Energie gespeichert. Dazu wird mit überschüssigem Strom aus dem Netz Wasser in umgekehrter Richtung hinaufgepumpt.

Hochalpiner Baumaschineneinsatz.

Welche baulichen Dimensionen hinter dem Projekt stehen, zeigte sich vor allem an den gewaltigen Gesteins- und Erdmassen, die dafür bewegt werden mussten. Um mehrere Bäche aus dem Stubai- und Ötztal zusammenzuführen, den neuen Speicher im hinteren Längental anzulegen und das unterirdische Pumpspeicherkraftwerk zwischen dem Speicher Kühtai und dem bestehenden Speicher Finstertal zu errichten, waren umfangreiche Vortriebs-, Aushub- und Dammbauarbeiten erforderlich. Allein der Hauptauftrag umfasste den Vortrieb eines rund 25 Kilometer langen Beileitungsstollens mit einer Tunnelbohrmaschine sowie eines weiteren, rund zwei Kilometer langen Stollens im zyklischen Vortrieb. Über dieses System wird Wasser aus dem hinteren Stubaital und dem östlichen Ötztal mit leichtem Gefälle zum neuen Speicher Kühtai geleitet. Das beim Vortrieb anfallende Ausbruchmaterial wurde über Förderbänder abtransportiert und zusammen mit weiterem vor Ort gewonnenem Material für den Dammbau aufbereitet. Für das unterirdische Kraftwerk wiederum mussten rund 80 000 Kubikmeter Kavernenraum aus dem Fels gebrochen werden. Hinzu kam ein rund acht Kilometer langes Stollensystem im zyklischen Vortrieb.

Nicht weniger gewaltig waren die Arbeiten über Tage. Für Speicher und Damm mussten knapp sieben Millionen Kubikmeter loses Material ausgebaut werden. Das Material wurde aufbereitet und anschließend schichtweise beim Bau des Staudamms wieder eingebaut. Der als Steinschüttdamm mit zentraler Erdkerndichtung ausgeführte Damm erreicht eine Höhe von 113 Metern und eine Kronenlänge von 510 Metern; seine Krone ist zehn Meter breit. Damit er auf festem Fels gegründet werden konnte, musste loses Material stellenweise bis zu einer Tiefe von rund 30 Metern abgetragen werden. Die Gründungsbreite betrug rund 400 Meter. Die luftseitige Dammoberfläche wurde mit Natursteinen und Strukturelementen gestaltet, damit sich das Bauwerk möglichst gut in die alpine Landschaft einfügt. Ein solcher Massenumschlag verlangte auch auf der Maschinenseite entsprechende Dimensionen. Eine ganze Flotte von Cat Großgeräten war für die Arbeiten zwischenzeitlich vorgesehen, darunter zwei Cat Kettenbagger 6015B und 352, sieben Cat Muldenkipper 777G, ein Cat Radlader 982, jeweils zwei Cat Dozer D8T und D6 XE sowie ein Cat Motorgrader 140 AWD. Sie übernahmen zentrale Aufgaben beim Lösen, Laden, Transportieren und Einbauen der Gesteins- und Schüttgutmassen. Das Material gelangte zur stationären Aufbereitung, wo es je nach benötigter Körnung mehrfach gesiebt und gebrochen sowie anschließend getrocknet wurde, um die erforderliche Restfeuchtigkeit für den Einbau zu erreichen.

Mitten im Hochgebirge wurde ein großer Steinbruch betrieben.

Inzwischen ist das Pumpspeicherkraftwerk Kühtai 2 auf der Zielgeraden. Anfang September war der neue Speicher bereits mit rund fünf Millionen Kubikmetern Wasser gefüllt. Mit dem Ausbauprojekt stärkt die Tiwag die Versorgungssicherheit Tirols und schafft zusätzliche Speicherkapazitäten für die Energiewende. „Mit unserem Ausbauprojekt im Kühtai erhöhen wir die Energieunabhängigkeit Tirols und schaffen zusätzliche Speicherkapazitäten. Das Projekt zählt zu den wichtigsten Energie­infrastrukturvorhaben unseres Landes“, betont Tiwag-Vorstandsdirektor Alexander Speckle. Mit dem zusätzlich über einen Beileitungsstollen ins Kühtai geleiteten Wasser werden jährlich rund 216 Millionen kWh zusätzliche erneuerbare Energie erzeugt. Der neue Speicher weist ein Nutzvolumen von 31 Millionen Kubikmetern auf. Das gesamte Speichervolumen der Anlage wird damit um rund 50 Prozent erhöht.

„Seit Mitte Juni 2026 läuft das Einstauprogramm“, berichtet Tiwag-Projektleiter Klaus Feistmantl. Der Speicher wird dabei nicht auf einmal gefüllt. Der Aufstau erfolgt langsam und in Schritten zu je 20 Metern Höhe. Auf jede Einstaustufe folgt eine rund sechswöchige Beharrungsphase, in welcher der Wasserspiegel konstant gehalten wird. Erst nach positiver Bewertung sämtlicher Messwerte beginnt die nächste Stufe. Während der gesamten eineinhalbjährigen Probestauphase werden Damm, Untergrund und Stauraum intensiv überwacht. „Die bisherigen Ergebnisse entsprechen unseren Erwartungen. Das Einstauprogramm verläuft planmäßig und bestätigt die hohe Qualität der ausgeführten Bauarbeiten“, so Klaus Feistmantl.

Der Beileitungsstollen wurde im April 2026 durchgeschlagen und die sechs Wasserfassungen im Sommer fertiggestellt. Die drei Wasserfassungen im Sulztal werden derzeit in Betrieb genommen. Es wird dabei nur eine ökologisch verträgliche Wassermenge entnommen. Im Winter erfolgt keine Wasserentnahme. Im Stubaital läuft derzeit noch die Inbetriebsetzung der drei Wasserfassungen. Diese werden bis Ende September 2026 in Betrieb gehen.

Großgeräte nahmen sich die Bauaufgabe vor. Fotos: Zeppelin

Parallel dazu laufen im neuen Kraftwerk Kühtai 2 bereits seit mehreren Monaten die Test- und Inbetriebsetzungsarbeiten. Die Anlage wurde komplett unterirdisch in einer Felskaverne errichtet und ist für den Pumpspeicherbetrieb konzipiert. Herzstück sind zwei reversible Pumpturbinen, die sowohl Strom im Turbinenbetrieb erzeugen als auch Wasser zurück in den höher gelegenen Speicher Finstertal pumpen können. Die beiden Maschinensätze haben zusammen eine installierte Leistung von 190 MW. „Diese Technologie ermöglicht einen besonders flexiblen und effizienten Betrieb und ist ein wichtiger Baustein für die Integration erneuerbarer Energien aus Wind und Photovoltaik in das Stromsystem“, so der Tiwag-Projektleiter.

Im Zuge der laufenden Prüf- und Testprogramme werden sämtliche Anlagenteile unter realen Betriebsbedingungen auf Herz und Nieren getestet. Dabei kam es bei einer der beiden Maschineneinheiten zu einer Unregelmäßigkeit, wodurch Komponenten des Generators beschädigt wurden. Die Ursachenanalyse läuft derzeit gemeinsam mit den beteiligten Fachunternehmen. „Die notwendigen Reparaturarbeiten haben nach aktuellem Stand keine Auswirkungen auf die geplante Gesamtfertigstellung des Kraftwerks im Sommer 2027“, versichert Klaus Feistmantl. Die Arbeiten an der zweiten Maschineneinheit wurden zwischenzeitlich vorgezogen und verlaufen planmäßig. „Gerade bei technisch hochkomplexen Anlagen sind umfangreiche Prüf- und Testprogramme ein wesentlicher Bestandteil der Inbetriebsetzung. Sie dienen dazu, mögliche Abweichungen frühzeitig zu erkennen und vor dem Regelbetrieb zu beheben“, sagt Klaus Feistmantl.

Wie groß das Interesse an dem Projekt ist, zeigte sich beim Tag der offenen Baustelle am 5. September 2026. Kurz vor dem Abschluss der Bauarbeiten öffnete das Pumpspeicherkraftwerk Kühtai 2 mit dem Speicher Kühtai als Erweiterung der Kraftwerksgruppe Sellrain-Silz seine Tore für die Öffentlichkeit. Über 6 000 Besucher nutzten die Gelegenheit, eines der größten Wasserkraftprojekte Österreichs aus nächster Nähe zu erleben. Bei einer Erlebnistour über das Baustellengelände erhielten die Interessierten Einblicke in die technischen Dimensionen des Pumpspeicherkraftwerks und in die Bedeutung des Projekts für eine nachhaltige Energieversorgung Tirols. Mitarbeiter der Tiwag standen für Fragen und Gespräche zur Verfügung und gaben persönliche Einblicke in ihren Arbeitsalltag auf der Baustelle.

Besonderes Augenmerk galt den umfangreichen Renaturierungs- und Ausgleichsmaßnahmen rund um das Projektgebiet. Dabei konnten Besucher selbst aktiv werden und sich direkt an den Renaturierungsmaßnahmen beteiligen. Unter fachmännischer Anleitung pflanzten sie rund 1 500 Zirben, Lärchen sowie Vogelbeeren und leisteten damit einen Beitrag zur ökologischen Gestaltung der Flächen rund um das Projekt. Im Zuge der Waldverbesserung wurden in den letzten Jahren bereits 39 000 Pflanzen im Längental neu gesetzt. Weitere 5 000 Bäume werden bis zum Sommer 2027 im Zuge der noch folgenden Rekultivierungsarbeiten der Baustelleneinrichtungsflächen gepflanzt werden.

Oktober 2026