Aus einem kleinen Transportunternehmen hat sich die Heinrich Feeß GmbH & Co. KG in 75 Jahren zu einem mittelständischen Betrieb mit rund 300 Mitarbeitenden entwickelt. Mit 25 Jahren stieg Walter Feeß in das Familienunternehmen ein, das er weit über 30 Jahre dann als Geschäftsführer mit klarem Fokus auf Recycling und Kreislaufwirtschaft prägte und zu einem Vorreiter der Branche formte. Dabei trieb ihn früh auch die Frage der Unternehmensnachfolge um. Seine Söhne haben Schritt für Schritt mit ihrem Vater zusammen Verantwortung übernommen: Bauingenieur Alexander Feeß verantwortet unter anderem Vertrieb, Kalkulation und die technische Weiterentwicklung der Aufbereitungsanlagen. Sein Bruder Benjamin Feeß führt das operative Geschäft, koordiniert die Bauleiter und verantwortet die LkwWerkstatt. Unterstützt werden sie in kaufmännischen Belangen von Geschäftsführer Jochen Röhrer. Walter Feeß steht als Prokurist weiterhin mit seiner Erfahrung zur Seite und ist nach wie vor verantwortlich für den Recyclingplatz sowie das Kompetenz- und Schulungszentrum K3. Wie gelingt die Unternehmensnachfolge in einem Familienbetrieb dieser Größenordnung? Welche Herausforderungen bringt der Generationswechsel mit sich und welche Chancen eröffnen neue Perspektiven für die Zukunft des Unternehmens? Darüber sprach die Redaktion Baublatt am Rande einer Modellübergabe mit Walter, Alexander und Benjamin Feeß.

Baublatt: Laut einer aktuellen Studie des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn stehen jährlich rund 125 000 Familienunternehmen in Deutschland vor einer Nachfolgeregelung – davon haben viele die Planung zu lange aufgeschoben. Wann haben Sie, Herr Feeß, angefangen, sich intensiv damit zu beschäftigen?
Walter Feeß: Anfang 60 habe ich mir sehr viele Gedanken gemacht, wie der Betrieb weitergeführt werden kann. Mir ging es zum einen um die Sicherung der Arbeitsplätze. Es hängen viele Familien dran und für sie hat man eine große Verantwortung. Aber zum anderen sollte die Nachfolgeplanung auch gegenüber unseren beiden Söhnen und unserer Tochter so gerecht wie möglich sein.
Baublatt: Wie sind Sie dabei vorgegangen?
Walter Feeß: Ich habe damals mit vielen führenden mittelständischen Familienunternehmen aus der Branche gesprochen, die ebenfalls damit konfrontiert waren oder diesen Prozess schon durchlaufen hatten. Die Reaktion war, dass 70 oder 80 Prozent meinten, ich soll die Firma einem Kind geben. Ich habe aber drei Kinder. Wen hätte ich da ausschließen sollen? Daher kam das für mich nicht infrage. Mit Blick auf die kommende Generation haben meine Frau und ich uns Unterstützung von außen gesucht und uns bewusst für eine Familiencharta entschieden. Das hat uns sehr geholfen und das kann ich nur jedem raten, der sich mit dem Thema Nachfolge beschäftigt. Am Wochenende sind wir als Familie zusammengekommen und haben dann alle wichtigen Themen diskutiert. Meine Söhne sagten zu mir: Wir müssen an die nächste Generation denken und wollen alle gleich viel Anteile haben, unabhängig davon, ob sie etwas mehr Verantwortung als Geschäftsführer tragen. Das muss man sich mal vorstellen. Diese Einstellung zur Familie und zum Unternehmertum macht mich unglaublich stolz.
Baublatt: Hat Ihr Schlaganfall, Herr Feeß, den Nachfolgeprozess verändert?
Benjamin Feeß: Der Schlaganfall hat uns deutlich vor Augen geführt, dass man solche Themen nicht aufschieben sollte. So wie wir es in der Familiencharta geplant haben, erfolgte am 70. Geburtstag unseres Vaters, an dem er auch für sein Lebenswerk gewürdigt wurde, die offizielle Übergabe an meinen Bruder und mich.

Baublatt: Wie hat es sich angefühlt, in die Fußstapfen Ihres erfolgreichen Vaters zu treten?
Alexander Feeß: Ich glaube, es war ein Prozess – wir sind da reingewachsen. Man weiß, was es bedeutet, ein Unternehmen zu führen: Es ist mit einer großen Verantwortung verbunden. Für meinen Bruder und mich war klar: Wenn wir es machen, dann nicht allein. Denn das hätte auch großen Verzicht bedeutet. Wir wollen aber auch für unsere Familien da sein. Beides in Einklang zu bringen, wäre schwierig gewesen. Daher wollten wir die Führung gemeinsam übernehmen, weil jeder seine Stärken und Schwächen hat, sodass wir uns wunderbar ergänzen. Es war außerdem unser besonderer Wunsch, dass Jochen Röhrer den kaufmännischen Part in der Geschäftsführung übernehmen soll.
Baublatt: Viele Familienunternehmer wünschen sich, dass die nächste Generation den Betrieb weiterführt. Kann man diesen Wunsch beeinflussen?
Walter Feeß: Ich glaube nicht, dass man seine Kinder dazu drängen kann, irgendwann die Nachfolge anzutreten. Man kann niemanden dazu zwingen, sondern muss vielmehr vorleben, warum sich der Einsatz für das Unternehmen lohnt. Wenn die nächste Generation spürt, dass ihr die Arbeit Freude macht, dass das Unternehmen einen Sinn stiftet und sie selbst etwas gestalten kann, dann wächst oft auch der Wunsch, diesen Weg weiterzugehen.
Baublatt: Viele Nachfolger müssen sich ihren Platz im Unternehmen und gegenüber der Belegschaft erst erarbeiten. Warum hat das bei Ihnen und Ihrem Bruder funktioniert?
Benjamin Feeß: Ein entscheidender Vorteil war, dass wir den Betrieb und die Menschen von klein auf kennen. Wir sind mit dem Unternehmen aufgewachsen und hatten die Möglichkeit, Schritt für Schritt Verantwortung zu übernehmen. Dadurch gab es keinen harten Schnitt und keine Situation, in der plötzlich feststand: „Ab morgen sind das die neuen Chefs.“ Der Übergang war fließend. Unsere Mitarbeitenden konnten erleben, wie wir uns entwickelt und zunehmend Aufgaben übernommen haben. Dabei haben wir uns den Respekt selbst erarbeitet. Nicht, weil unser Vater gesagt hat: „Das sind meine Söhne, auf die müsst ihr hören“, sondern weil wir gezeigt haben, dass wir das Unternehmen aktiv weiterführen und gestalten wollen, auch wenn die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ganz andere sind als 1994/95, als unser Vater die Firma übernommen hat. Mittlerweile führen wir ein Unternehmen mit 300 Mitarbeitenden, betreiben an die acht Standorte, haben 50 eigene Lkw im Umlauf und rund 120 Baumaschinen ab zehn Tonnen aufwärts im Einsatz. Das ist eine andere Nummer.

Walter Feeß: Es ist heute definitiv viel schwieriger, einen Betrieb in dieser Größe zu leiten. Die Konkurrenz ist größer geworden, die Kosten steigen und viele Märkte stehen unter erheblichem Druck. Früher konnten Betriebe Investitionen oft aus guten Erträgen finanzieren. Heute muss deutlich genauer gerechnet werden. Gleichzeitig müssen Unternehmen wettbewerbsfähig bleiben, Fachkräfte finden und in Zukunftsthemen investieren. Das macht die Aufgabe schwieriger als noch zu meiner Zeit. Sorgen macht mir, wie wir unsere Wettbewerbsfähigkeit erhalten können. In vielen Branchen stehen deutsche Unternehmen heute im direkten Wettbewerb mit Anbietern aus aller Welt. Umso wichtiger ist es, Leistung, Eigenverantwortung und unternehmerisches Denken zu fördern. Wohlstand ist keine Selbstverständlichkeit. Er entsteht durch Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und etwas leisten wollen.
Baublatt: Ist das nicht für Sie als Nachfolger auch eine große Hypothek?
Benjamin Feeß: Wir hatten großen Respekt, die Aufgabe unseres Vaters zu übernehmen. Aber wenn man weiß, es gibt noch einen Bruder und eine Schwester, auf die man sich zu hundert Prozent verlassen kann, dann ist das was anderes. Viel Glück haben wir auch mit Jochen Röhrer, der uns in der Geschäftsführung unterstützt.
Baublatt: Viele Familienunternehmen setzen bei der Geschäftsführung ausschließlich auf die eigene Familie. Warum haben Sie sich entschieden, zusätzlich einen externen Geschäftsführer an Bord zu holen?
Walter Feeß: Als Unternehmer, der selbst seine Firma aufgebaut hat, muss man auch loslassen können. In unserer Familiencharta haben unsere Kinder den Wunsch geäußert, dass unser kaufmännischer Leiter in die Geschäftsführung einsteigt.
Benjamin Feeß: Man muss erkennen, was man selbst leisten kann und wo man Verstärkung braucht. Wir haben beide eine technische Ausbildung. Kaufmännisch bekommen wir Unterstützung.

Baublatt: Rückblickend: Was würden Sie als Ihre prägendste unternehmerische Eigenschaft bezeichnen?
Walter Feeß: Wahrscheinlich die Bereitschaft, neue Dinge anzustoßen. Wenn ich von einer Idee überzeugt war, habe ich versucht, sie umzusetzen. Wie unsere neue Werkstatt. Allerdings gab es dazu unterschiedliche Meinungen in der Familie. Ich war aber überzeugt, dass wir eine moderne Werkstatt brauchen, wenn wir auch künftig erfolgreich sein wollen. Bei unserem großen Fuhr- und Maschinenpark ist die Werkstatt ein zentraler Baustein des Unternehmens. Ohne gut ausgestattete Werkstatt und engagierte Monteure funktioniert kein einziger Bagger oder Radlader. Heute sehen auch meine Söhne den Nutzen dieser Investition und sagen selbst, dass die Entscheidung richtig war. Umgekehrt gilt es aber auch, wenn ich gesehen habe, dass meine Kinder eine Entscheidung getroffen haben, die gut war. Dann muss man das auch sagen.
Alexander Feeß: Für unseren Vater gab es keinen Stillstand. Er hinterfragt ständig, was man besser machen kann, und hat den Mut, neue Ideen auch tatsächlich umzusetzen. Wenn er von einer Sache überzeugt ist, dann handelt er. Gleichzeitig hat er uns vermittelt, dass Erfolg ein ständiger Prozess ist. Man muss jeden Tag hinterfragen, was gut gelaufen ist, was man besser machen kann und welche Chancen sich daraus ergeben.
Baublatt: Viele Familienunternehmen scheitern nicht am Geschäft, sondern am fehlenden Zusammenhalt. Was braucht es, damit eine Familie über Generationen hinweg zusammenbleibt und gemeinsam die Verantwortung schultert?
Walter Feeß: Einen großen Anteil daran hat meine Frau. Ich bin morgens zwischen sechs und sieben Uhr aus dem Haus. Abends kam ich oft erst spät heim und habe dann noch Angebote geschrieben – und das fast jeden Tag über viele Jahrzehnte. Meine Frau hat eine wunderbare Gabe: Sie hat währenddessen die Familie zusammengehalten. Über sie laufen auch heute noch alle Kontakte in der Familie zusammen. Wie stark der Zusammenhalt ist, zeigt sich nun auch bei unseren Enkelkindern, die schon heute sagen, sie wollen später beim Feeß arbeiten. Ich sehe die vierte Generation der verschiedenen Familien heranwachsen, die miteinander spielen und miteinander auskommen. Das ist ein gutes Zeichen.
Baublatt: Wie schwer fällt es einem Unternehmer wie Ihnen, Verantwortung abzugeben?
Walter Feeß: Die operative Verantwortung habe ich 2024 an meine Kinder und Jochen Röhrer übertragen, auch wenn ich zusammen mit meiner Frau noch immer Anteile am Unternehmen habe, als Prokurist tätig und für unser Schulungs- und Kompetenzzentrum K3 sowie für unseren Recyclingplatz verantwortlich bin. Natürlich ist es nicht immer einfach, sich zurückzunehmen. Es war kein Schnitt, sondern ein fließender Übergang. Aber die Zukunft gehört der Jugend, die ihren Freiraum braucht. Sie muss sich entwickeln dürfen. Es ist wichtig, dass man das erkennt und den Nachwuchs ranlässt. Da darf man sich nicht einmischen. Mir hat jemand mal gesagt: Sei wie ein Hubschrauber. Kreise über den Dingen, aber sei immer im Stand-by-Modus. Wenn dich die Jugend braucht, musst du jederzeit landen können.
Baublatt: Welche Rolle spielen Vertrauen und eine offene Fehlerkultur, wenn die nächste Generation schrittweise mehr Verantwortung übernimmt?
Walter Feeß: Mit über 50 Jahren Berufserfahrung blickt man auf viele Situationen anders als jemand, der erst seit fünf Jahren im Berufsleben steht. Entsprechend werden auch Entscheidungen unterschiedlich bewertet und getroffen. Genau darin liegt das natürliche Spannungsfeld zwischen den Generationen. Als Älterer muss man lernen, nicht jede Entscheidung zu kommentieren und gelegentlich auch einmal die eigene Meinung zurückzustellen. Wenn ich allerdings den Eindruck hätte, dass eine Entscheidung die Zukunft oder gar die Existenz des Unternehmens gefährdet, würde ich selbstverständlich eingreifen. In vielen Fällen gibt es jedoch nicht den einen richtigen Weg. Dann ist es wichtig, Verantwortung zu übertragen und die nächste Generation ihre eigenen Erfahrungen machen zu lassen. Das gehört für mich zu einem erfolgreichen Generationswechsel dazu – und das akzeptiere ich auch.
Benjamin Feeß: Es gab auch Entscheidungen, die unser Vater anfangs nicht nachvollziehen konnte. Im Nachgang hat er dann eingeräumt, dass es genau richtig war.

Baublatt: Welche zum Beispiel?
Alexander Feeß: Früher haben wir uns auf Abbruch- und Erdarbeiten konzentriert. Da hat der Baggerfahrer seine Arbeit gemacht und ist anschließend zur nächsten Baustelle weitergezogen. In den vergangenen zehn Jahren hat sich das stark verändert. Die Kunden erwarten heute mehr. Gerade Generalunternehmer wollen einen Ansprechpartner, der das gesamte Projekt koordiniert und möglichst viele Leistungen aus einer Hand anbietet. Wir haben angefangen, für einen Lebensmitteldiscounter nicht nur den Abbruch und die Erdarbeiten zu realisieren, sondern haben die ganze Erschließung bis zu den Außenanlagen inklusive Entsorgungslogistik und Pflasterarbeiten gemacht.
Walter Feeß: Dafür braucht man die richtigen Leute, viel Fachwissen und die Bereitschaft, neue Kompetenzen aufzubauen. Das haben die Jungs gut hinbekommen. Wer einen Erdbau- oder Abbruchauftrag haben möchte, muss inzwischen oft weitere Leistungen übernehmen. Das schätzen unsere Kunden, dass sie sich nicht mit vielen verschiedenen Ansprechpartnern abstimmen müssen.
Baublatt: Wie wichtig war es für die Nachfolge, dass Sie und Ihre Söhne über einen längeren Zeitraum gemeinsam Verantwortung getragen haben, bevor Sie sich schrittweise zurückgezogen haben?
Walter Feeß: Das war aus meiner Sicht enorm wichtig. Die beiden konnten nicht nur fachlich viel lernen, sondern wir hatten auch die Zeit, uns im täglichen Geschäft auszutauschen. Wenn ich etwas angesprochen habe, haben sie das stets ernst genommen. Vor einigen Jahren habe ich Benjamin gesagt, dass er künftig mehr Zeit im Büro verbringen und sich stärker mit den kaufmännischen und organisatorischen Aufgaben beschäftigen sollte, statt ausschließlich auf den Maschinen zu arbeiten. Anfangs war er davon nicht unbedingt begeistert, weil er die Arbeit auf den Baustellen liebt. Doch zwei Monate später war er dann im Büro und hat dort zunehmend Verantwortung übernommen. Ähnlich war es bei Alexander, den ich schon früh an Themen wie Kalkulation und Projektsteuerung herangeführt habe. Was mich besonders freut: Beide haben Neues schnell aufgenommen und sich kontinuierlich weiterentwickelt. Genau deshalb halte ich einen gleitenden Übergang für so wertvoll. Die nächste Generation kann Erfahrungen sammeln, Fehler vermeiden und gleichzeitig von dem Wissen profitieren, das über viele Jahrzehnte im Unternehmen aufgebaut wurde.
Baublatt: Mancher Bauunternehmer fragt sich, wie er seine Kinder für den eigenen Betrieb begeistern kann. Gibt es dafür ein Erfolgsrezept?
Benjamin Feeß: Ein Patentrezept gibt es sicherlich nicht. Meine Eltern haben uns aber von klein auf vorgelebt, was es bedeutet, Verantwortung für ein Unternehmen zu tragen. Man kann seine Kinder nicht dazu zwingen, den Betrieb später einmal weiterzuführen. Aber man kann ihnen zeigen, warum man das Unternehmen mit Leidenschaft führt und welche Werte dahinterstehen.
Walter Feeß: Jede Generation muss selbst entscheiden, ob sie diesen Weg gehen möchte. Ich sage immer: Man muss wollen und auch können. Ich habe großes Glück mit meinen Kindern.
Benjamin Feeß: Nachfolgeplanung beginnt aus unserer Sicht auch nicht erst dann, wenn jemand kurz vor dem Ruhestand ist. Dann ist es eigentlich zu spät. Die Weichen werden viel früher gestellt. Es geht darum, Verantwortung vorzuleben, Vertrauen aufzubauen und die nächste Generation Schritt für Schritt mitzunehmen. Meine Eltern haben uns die Möglichkeit gegeben, unseren eigenen Weg im Unternehmen zu finden. Genau das möchten wir irgendwann auch weitergeben. Denn eine erfolgreiche Nachfolge ist kein einzelner Übergabetermin, sondern ein Prozess, der über viele Jahre wächst.
Baublatt: Welche Werte wollen Sie fortführen und wo wollen Sie neue Akzente setzen?
Benjamin Feeß: Für uns ist ein offener, ehrlicher und fairer Umgang wichtig, ob gegenüber unseren aktiven oder ehemaligen Mitarbeitenden, Kunden und Geschäftspartnern. Das wurde uns in die Wiege gelegt. Unser Vater hat uns das immer vorgelebt, was mein Bruder und ich eins zu eins so weiterführen wollen.
Alexander Feeß: Wichtig ist uns auch, bodenständig zu bleiben.
Benjamin Feeß: Dass wir an Werten festhalten, kommt auch in unserem neuen Slogan zum Ausdruck: Gemeinsam. Werte. Schaffen. Diesen haben wir beide zusammen mit einem neuen Logo entwickelt.
Baublatt: Feeß gilt seit Jahren als Innovationspartner. Wie wichtig ist beziehungsweise war dieser Austausch für das Unternehmen und seine Entwicklung?
Walter Feeß: Wir stehen mittlerweile in Kontakt mit Forschungsinstituten aus ganz Europa, die mit uns zusammenarbeiten wollen, um neue Technologien zu entwickeln. Uns geht es darum, die Kreislaufwirtschaft weiterzuentwickeln, da wir überzeugt sind, dass sie einen wesentlichen Beitrag leisten kann, CO2 weltweit einzusparen. Deshalb investieren wir viel Zeit in Forschungsprojekte. Unser Ziel ist es, Ressourcen zu schonen und Recyclingmaterialien immer hochwertiger zu machen, aber auch neue Einsatzmöglichkeiten zu erschließen. Solange ich die Möglichkeit habe, möchte ich diese Entwicklung mitgestalten. Alexander unterstützt mich dabei – federführend betreibt Bauingenieur Sebastian Rauscher die Pilotprojekte. Aktuell arbeiten wir gerade an mehreren Forschungsprojekten mit. So haben wir einen Wissensvorsprung gegenüber unseren Mitbewerbern.
Baublatt: Der Recyclingpark und das Kompetenzzentrum für Kreislaufwirtschaft gelten als Vorzeigeprojekte. Sie haben früh in Umwelt- und Recyclingtechnik investiert. Was hat Sie dazu angetrieben?
Walter Feeß: Mir war wichtig, das Unternehmen langfristig aufzustellen und einen Beitrag für die kommenden Generationen zu leisten. Wenn man als Unternehmer die Möglichkeit hat, Zukunftsthemen voranzubringen, sollte man diese Chance nutzen. Natürlich muss ein Unternehmen auch Geld verdienen.
Baublatt: Wie gelingt es Ihnen, ökologische Ziele mit den wirtschaftlichen Anforderungen Ihres Unternehmens in Einklang zu bringen?
Benjamin Feeß: Die Kreislaufwirtschaft bleibt für uns ein zentrales Zukunftsthema. Doch man darf nicht vergessen, dass sich langfristig nur die Lösungen durchsetzen, die auch wirtschaftlich funktionieren. Wir sind bereit, neue Wege auszuprobieren. Aber nicht um jeden Preis. Am Ende muss ein Produkt oder ein Verfahren am Markt bestehen können. Wenn eine Idee zwar ökologisch sinnvoll ist, sich aber dauerhaft nicht trägt, müssen wir auch den Mut haben zu sagen: Dafür ist der Markt vielleicht noch nicht bereit. Gerade in wirtschaftlich anspruchsvolleren Zeiten müssen Investitionen sorgfältig abgewogen werden. Unser Ziel ist es deshalb, Kreislaufwirtschaft und wirtschaftlichen Erfolg so miteinander zu verbinden, dass wir den Betrieb langfristig gesund und zukunftsfähig aufstellen können.
Baublatt: Was steht einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft immer noch im Weg?
Walter Feeß: Das größte Hindernis sind aus meiner Sicht die Akzeptanz und die fehlende Wissensvermittlung entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Recyclingbaustoffe können einen wichtigen Beitrag zur Kreislaufwirtschaft leisten. Sie bieten erhebliche Potenziale, die CO2-Emissionen zu senken und helfen damit, die Pariser Klimaschutzziele zu erreichen. Aus Abbruchmaterial lassen sich hochwertige Zuschlagstoffe für R-Beton gewinnen und gleichzeitig lassen sich geeignete mineralische Fraktionen als Sekundärrohstoffe in der Zementindustrie nutzen. Für sie ist das besonders interessant, weil die Herstellung von Zementklinker der energie- und emissionsintensivste Prozessschritt ist. Deswegen gewinnen geeignete Sekundärrohstoffe zunehmend an Bedeutung. Gleichzeitig schaffen wir regionale Stoffkreisläufe, weil die Materialien dort aufbereitet und wieder eingesetzt werden, wo sie anfallen. In der praktischen Umsetzung bestehen jedoch weiterhin Hürden. Viele Planer, Ingenieure, Architekten oder Mitarbeiter in Verwaltungen kommen während ihrer Ausbildung nur wenig mit diesen Materialien in Berührung. Wer ihre Einsatzmöglichkeiten und Eigenschaften nicht kennt, greift häufig auf etablierte Lösungen zurück. Deshalb benötigen wir mehr Aufklärung und Wissensvermittlung – von Schulen und Hochschulen bis in die berufliche Weiterbildung hinein. Erst wenn Vertrauen in die Materialien und Verfahren entsteht, kann sich die Kreislaufwirtschaft breiter etablieren.
Baublatt: Sie kritisieren seit Jahren, dass die Kreislaufwirtschaft nicht von der Stelle kommt und es nicht schneller vorangeht. Haben Sie nicht irgendwann resigniert?
Walter Feeß: Es ist frustrierend, wenn man dieselben Argumente immer wieder vorträgt, Politiker großes Interesse zeigen und anschließend wenig passiert. Dabei haben wir einen bedeutenden Hebel in der Hand: Die Kreislaufwirtschaft bietet aus meiner Sicht erhebliche Potenziale. Viele technische Lösungen stehen bereits zur Verfügung. Wir bauen jedes Jahr Millionen Tonnen mineralischer Rohstoffe ein und gleichzeitig fallen große Mengen an Abbruchmaterial an. Diese Materialien dürfen wir nicht länger als Abfall betrachten, sondern als wertvolle Rohstoffe oder noch besser als Wertstoffe. Technisch ist heute bereits vieles möglich. Recyclingbaustoffe können in zahlreichen Anwendungen eingesetzt werden und dazu beitragen, natürliche Ressourcen zu schonen, Stoffkreisläufe zu schließen und CO2-Ausstoß zu verringern. Was häufig fehlt, ist die konsequente Anwendung in der Praxis. Aus meiner Sicht sollten bei Investitions- und Beschaffungsentscheidungen nicht nur die unmittelbaren Kosten, sondern auch langfristige Auswirkungen auf Ressourcenverbrauch und Materialverfügbarkeit berücksichtigt werden. Deshalb wünsche ich mir mehr Mut bei Politik, Verwaltungen und Auftraggebern, die Möglichkeiten der Kreislaufwirtschaft stärker zu nutzen und entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen.
Baublatt: Sie haben das Unternehmen in Ihrer Zeit maßgeblich vergrößert. Was wünschen Sie sich heute für die Entwicklung des Unternehmens unter der nächsten Generation?
Walter Feeß: Ich war seit dem Alter von 25 Jahren nach meinen Studium Vollzeit im Betrieb tätig, habe diesen dann mit 40 Jahren komplett übernommen und ihn konsequent weiterentwickelt. Meine Eltern haben mir nicht zugetraut, dass ich das kann. Das war für mich eine so große Motivation, ihnen und mir zu beweisen, dass sie nicht recht hatten und dass ich den Umsatz verzehnfacht habe. Ich habe meinen Söhnen gesagt, sie müssen nicht weiterwachsen und neue Rekorde aufstellen, sondern sie sollen ein gesundes Unternehmen entwickeln, das Arbeitsplätze sichert, ein solider Partner ist und langfristig Bestand hat.
Baublatt: Ihr Vater hat das Unternehmen aufgebaut, Sie führen es weiter. Was wünschen Sie sich, dass die nächste Generation einmal über Sie sagt?
Alexander Feeß: Ich würde mir wünschen, dass sie sagt: Sie haben das Unternehmen nicht nur verwaltet, sondern weiterentwickelt.
Benjamin Feeß: Mir ist wichtig, dass wir nicht nur wirtschaftlich erfolgreich sind, sondern dass wir die Werte bewahren, die unser Vater uns vorlebt – Verlässlichkeit, Fairness und einen respektvollen Umgang mit Mitarbeitenden, Kunden und Geschäftspartnern. Wir tragen Verantwortung gegenüber unseren Mitarbeitenden, deren Familien und der Gesellschaft – ihnen wollen wir gerecht werden.
August 2026

