Arbeitskampf 2.0

Ein Kommentar von Sonja Reimann

Mehr oder weniger: Über unsere Arbeitsmoral tobt derzeit eine Diskussion. Konkret geht es um die Arbeitszeit. Die Crux: Während Forderungen nach einer Vier-Tage-Woche immer lauter werden und die Lust der Deutschen auf immer weniger Arbeit suggerieren, fehlt es gleichzeitig an allen Ecken und Enden an Personal. Bauunternehmen buhlen wie viele andere Industrieunternehmen um Fachkräfte. „Unmöglich“, „völlig ausgeschlossen“ oder „total abwegig“ sind daher die Reaktionen, wenn Vorschläge nach weniger Arbeit und mehr Freizeit die Runde machen. Da lohnt ein Blick, sich die harten Fakten einmal genauer anzuschauen.

Dass der Bagger quasi ferngesteuert eine Baugrube aushebt, während der Maschinist am Strand unter Palmen in der Sonne liegt und sein Arbeitsgerät via Laptop oder Smartphone überwacht, ist zwar noch immer ein Traum in einer schönen neuen Arbeitswelt, der aber näher rückt. Foto: Pixabay/Stefanie Laubscher

„Der höchste Krankenstand, die wenigsten Überstunden, die meiste Teilzeit: Die Arbeitszeit war noch nie – außer im Corona-Jahr 2020 – so niedrig wie 2023“, bestätigt Enzo Weber, Leiter des Forschungsbereichs „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“ beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Doch sind wir wirklich so faul im internationalen Vergleich? Betrachtet man Arbeitszeitstatistiken, liegen die Deutschen am unteren Ende der Skala von 27 EU-Ländern. Lediglich Dänen und Holländer haben noch weniger Arbeitsstunden auf der Uhr. Für eine große Überraschung sorgte eine Meldung aus Griechenland, um den Fachkräftemangel zu bekämpfen. Dort können sich Arbeitnehmer ab 1. Juli entscheiden, ob sie freiwillig sechs Tage arbeiten wollen. Finanzielle Anreize sollen sie locken, wenn sie dann am sechsten Tag 40 Prozent mehr Gehalt erhalten. Bei uns wächst dagegen die Lust auf Work-Life-Balance. Selbst Einbußen beim Gehalt werden bereitwillig in Kauf genommen.

Wenn in den nächsten Jahren deutlich mehr Menschen das Rentenalter erreichen, als Jüngere nachrücken, wird das zum Riesenproblem. Für IW-Experte Holger Schäfer wird „diese Entwicklung den Wohlstand gefährden. Wenn weniger gearbeitet wird, dann werden auch weniger Güter hergestellt und Dienstleistungen angeboten. Alles, was wir für unseren Konsum, aber auch für Umverteilung etwa für soziale Zwecke zur Verfügung haben, wird weniger.“ Stattdessen müssten die Menschen eher ein bis zwei Stunden die Woche mehr arbeiten. „Hier ist die Politik gefragt: Sie muss dringend Anreize und Rahmenbedingungen schaffen, um längere Arbeitszeiten zu fördern“, so Holger Schäfer.

Es braucht daher andere Lösungen, wie Arbeit mit immer weniger Personal bewältigt werden soll. Die Vorstellung ist ohnehin, dass künstliche Intelligenz (KI) uns die Arbeit abnimmt. Tatsache ist, dass selbst Baggerfahrer oder Baumaschinenmechatroniker inzwischen keinen Arbeitsschritt mehr ohne Touchpad oder Laptop ausführen können. Daten sind längst das Zaubermittel schlechthin und Sensoren die Basis für Vernetzung und Automatisierung geworden. Dass der Bagger quasi ferngesteuert eine Baugrube aushebt, während der Maschinist am Strand unter Palmen in der Sonne liegt und sein Arbeitsgerät via Laptop oder Smartphone überwacht, ist zwar noch immer ein Traum in einer schönen neuen Arbeitswelt, der aber näher rückt. 

Fakt ist: Mit KI wird sich der Wandel hin zu Digitalisierung immer weiter beschleunigen, was viele Berufsbilder verändern wird – Experten glauben, dass viele Arbeitsplätze der KI zum Opfer fallen. Somit hat sich vielleicht die Diskussion, ob wir zu wenig oder zu viel arbeiten, ohnehin erübrigt. Noch ist unvorstellbar, dass KI alle harten Jobs mit einem Schlag zunichtemachen wird. Was hier auf uns zukommt, lässt sich derzeit nur erahnen.

Mai 2024