Energiekrise und ihre Folgen

Die Preise an den Zapfsäulen klettern nach oben und treffen Bauunternehmen mit voller Wucht. Drastische Preissprünge bei energie- und rohölbasierten Produkten wie Bitumen, Kunststoffabdichtungen und Dämmstoffen, aber auch von Diesel erschweren die Kalkulation von Bauprojekten und setzen die Branche massiv unter Druck. „Der Iran-Krieg hat die Hoffnung auf eine echte wirtschaftliche Erholung im Keim erstickt“, so IW-Konjunkturexperte Michael Grömling. Daher fordert die Baubranche, Stoffpreisgleitklauseln für laufende Vergabeverfahren und bestehende Verträge einzuführen, um die Umsetzung öffentlicher Investitionen – insbesondere im Rahmen des Sondervermögens Infrastruktur – zu sichern und Planungssicherheit zu schaffen.

Dr. Robert Momberg, Hauptgeschäftsführer im Bauindustrieverband Ost, beschreibt die Lage auf den Baustellen wie folgt: „Unternehmen werden täglich mit Preisaufkündigungen, sprunghaften Kostensteigerungen und unsicheren Lieferketten konfrontiert. Für viele Projekte fehlt damit die wirtschaftliche Grundlage – die Kalkulation wird zum Risiko.Das hat unmittelbare Folgen: Bauvorhaben geraten ins Stocken, Ausschreibungen bleiben ohne Angebote oder werden deutlich teurer. Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, droht ein faktischer Stillstand bei wichtigen Infrastrukturprojekten – trotz bereitstehender Mittel, wie etwa aus dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität des Bundes.“ Sein Appell: außergewöhnliche Preisentwicklungen fair zu verteilen und die Angebotsbereitschaft der Unternehmen zu sichern. Denn sonst „droht, dass zentrale Infrastrukturprojekte erheblich verzögert oder gar nicht zur Umsetzung gelangen werden.“

Für Unternehmen bedeuten kurzfristige und massive Preissteigerungen keine Planungssicherheit, erklärt Michael Gilka, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung Mittelständischer Bauunternehmen (BVMB). Zwar sei die zeitlich befristete Senkung der Energiesteuer ein wichtiger erster Schritt, doch angesichts eines Steuer- und Abgabenanteils von teils über 50 Prozent sowie weiter steigender Kosten für Transport und energieintensive Baustoffe greife diese Maßnahme deutlich zu kurz. Gleichzeitig müsse auch die Diskussion um eine Abschöpfung möglicher „Übergewinne“ differenziert und mit Blick auf langfristige Marktwirkungen geführt werden. Beschlossene Entlastungen müssen schließlich auch bei den Unternehmen sowie bei Bürgern ankommen. Aus Sicht der mittelständischen Bauwirtschaft sind zusätzliche Entlastungen dringend erforderlich, um die wachsenden Risiken und externen Preisschocks wirksam abzufedern. Darüber hinaus braucht es strukturelle Anpassungen im Umgang mit volatilen Preisen, um Planungssicherheit und wirtschaftliche Stabilität nachhaltig zu gewährleisten.

Für die Baufirmen entwickelt sich der Iran-Krieg zu einem ähnlichen Problem wie der Krieg in der Ukraine. Zu Kriegsbeginn waren auch dort die Energie- und Materialkosten massiv in die Höhe geschnellt. Bauunternehmen konnten auf diese schnell steigenden Kosten in den meisten Fällen nicht reagieren – sie waren an abgegebene Preise in den Angeboten gebunden und können diese nicht nachträglich anpassen. Daher wurde die Preisgleitklausel ins Spiel gebracht, die nun erneut von der Branche gefordert wird. Denn der Iran-Krieg hat massive Auswirkungen auf die Entwicklung im Asphaltbereich: Durch den Einsatz von Bitumen sowie den hohen Energiebedarf in der Herstellung sind die Preissteigerungen hier besonders spürbar. Abhängig vom Bitumenanteil ergeben sich beim Asphaltmischgut Preissteigerungen von bis zu 30 Prozent, so die BVMB. Die Folge: Es drohen Versorgungsengpässe, welche die angespannte Situation zusätzlich belasten und ohne geeignete Anpassungsmechanismen die wirtschaftliche Umsetzung von Bauprojekten gefährden. Daher fordert die BVMB mehr Spielraum für Vergabestellen, um mit Bauunternehmen flexible und praxisgerechte Preisanpassungsmechanismen vereinbaren zu können – so wie sie in europäischen Ländern längst vergaberechtlicher Standard seien. So unterliegen öffentliche Bauverträge in Frankreich und Belgien bereits ab Laufzeiten von drei Monaten einer verpflichtenden Preisgleitung. In Österreich sind bei öffentlichen Ausschreibungen mit Bauzeiten von über einem Jahr veränderliche Preise regelmäßig vorgesehen. Auch Spanien, Portugal, Italien, die Niederlande und Griechenland verfügen über vergleichbare Anpassungsmechanismen. Das bestehende deutsche Regelwerk wird hingegen sowohl von Bauunternehmen als auch von Vergabestellen vielfach als kompliziert und bürokratisch wahrgenommen. Insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen sowie zahlreiche öffentliche Auftraggeber waren in den vergangenen Jahren mit der Anwendung der Stoffpreisgleitklausel häufig überfordert.

Auch das Handwerk spürt die drastischen Folgen der Materialpreissteigerungen. Der Roofer’s Club, ein Zusammenschluss mittelständischer Dachdeckerbetriebe, warnt vor massiven Verwerfungen, die sich durch Preiserhöhungen von Bitumenbahnen, Kunststoffabdichtungen und Dämmstoffen ergeben. „Wir reden hier nicht mehr über normale Marktbewegungen, sondern über Preissprünge, die jede Kalkulation aushebeln“, erklärt Urs Nies, Managing Director des Roofer’s Clubs. Die Betriebe sehen sich zunehmend gezwungen, Angebote nur noch mit sehr kurzen Bindefristen abzugeben. „Angebote sind teilweise nach wenigen Wochen nicht mehr haltbar – und viele Preise den Endkunden auch nicht mehr vermittelbar.“ Das macht sich im Wohnungsbau bemerkbar. Bauprojekte werden verzögert oder ganz gestoppt, Investitionen bleiben aus und der dringend benötigte Wohnungsbau wird weiter ausgebremst. „Hier sollte die Politik dringend Akzente setzen, sonst bleibt der deutsche Wohnungsbau auf Jahrzehnte hinaus gefährdet, da ohnehin weniger Wohnungen gebaut werden als benötigt. 2025 wurden lediglich 235 000 Wohnungen in Deutschland gebaut. Das Ziel der Bundesregierung waren mit 400 000 fast doppelt so viele. Und das war noch vor der erneuten Krise. Am Ende bedeutet weniger Bau immer auch weniger Angebot und damit höhere Preise für alle“, resümiert Urs Nies.

Ein Unternehmen wie beispielsweise Fleck, das Dachzubehör entwickelt, reagierte bereits und passte die Mehrkosten bei Paket- und Stückguttransporten an. „Das ist notwendig, um die gestiegenen Frachtkosten zumindest teilweise aufzufangen – gleichzeitig sichern wir weiterhin eine verlässliche Belieferung und Versorgung unserer Partner“, erklärte Geschäftsführer Christoph Nielacny. Betroffen vom Krieg im Nahen Osten sind petrochemische Grundstoffe wie Ethylen – Basis für PVC, den Hauptrohstoff vieler Fleck-Produkte. Bereits kurz nach Kriegsausbruch stiegen die PVC-Preise in Europa um rund zweieinhalb Prozent, weitere Anpassungen sind angekündigt. Parallel dazu erhöhen sich die Preise für Bitumen und Polypropylen, die in verschiedenen Dachzubehörprodukten verarbeitet werden. Dank einer vorausschauenden Beschaffungspolitik verfügt Fleck derzeit über ausreichende Rohstoffbestände, um die Versorgung der Kunden sicherzustellen. Dennoch könne man, so Christoph Nielacny, „die massiven Kostensteigerungen bei Energie und Transport nicht dauerhaft allein kompensieren.“

Der Roofer’s Club fordert von der Industrie eine verbindliche Preisbindung für drei Monate sowie eine flexible Anpassung der Preise nach unten bei sinkenden Rohstoffkosten. Von der Politik wünscht sich die Vereinigung neben Preisgleitklauseln Sonderabschreibungen für private und öffentliche Auftraggeber und Förderprogramme bei extremen Materialpreisschwankungen. „Wir müssen jetzt reagieren, denn viele Kollegen sind bereits am Limit“, erzählt Stefan Bern, Dachdeckermeister aus Mönchengladbach. „Die Situation ist dramatisch, das kann man leider nicht anders sagen. Wenn die Politik, die Industrie und wir alle nicht aufpassen, dann entstehen hier Schäden in der deutschen Bauwirtschaft, die wir so schnell nicht wieder beseitigen können. Hier ist die Politik gefordert, mit wirkungsvollen Maßnahmen gegenzusteuern.“

Mai 2026