Ein Kommentar von Sonja Reimann
Arbeiten wir zu wenig? Diesen Eindruck vermittelt die angestoßene Debatte, angeheizt durch Forderungen wie die von Bundeskanzler Friedrich Merz beschworene „Kraftanstrengung“ in der Bevölkerung. Eine höhere Leistungsbereitschaft soll unser Land aus der wirtschaftlichen Lethargie katapultieren. Wirtschaftsforscher blasen ins gleiche Horn: Laut Institut der deutschen Wirtschaft beispielsweise liegt das Arbeitszeitkonto bei uns bei durchschnittlich 1 036 geleisteten Arbeitsstunden 2023 – rund 600 Stunden weniger als noch vor 55 Jahren. Damit belegt Deutschland das untere Ende der Skala aller 34 OECD-Länder, lediglich Frankreich und Belgien schaffen noch weniger.
Daraus wird abgeleitet, dass wir uns solche Faulheit nicht leisten können – ein Feiertag soll geopfert werden und so für mehr Wirtschaftsleistung sorgen. Doch die Rechnung geht nicht auf. Das belegt eine empirische Studie der Hans-Böckler-Stiftung: Wurden in den vergangenen 30 Jahren arbeitsfreie Feiertage gestrichen oder neu eingeführt, entwickelte sich in gut der Hälfte der Fälle die Wirtschaft sogar danach in jenen Bundesländern besser, in denen arbeitsfreie Feiertage beibehalten wurden oder neu hinzukamen.

Die Frage ist darum nicht, ob wir mehr, sondern wie wir in Zukunft arbeiten, wenn sich die Arbeitswelt durch den demografischen Wandel verändert. Erforderlich ist ein anderer Ansatz mit flexibleren Arbeitszeitmodellen und einer anderen Arbeitskultur sowie Organisation – das allein verlangen schon die Bedingungen auf den Baustellen. Fixe oder starre Arbeitszeiten sind kaum praktikabel, wenn am gleichen Tag noch fertigasphaltiert oder -betoniert werden muss.
Fehlen Fachkräfte und muss die Arbeit von immer weniger Menschen ausgeführt werden, ist nicht nur die geleistete Zahl der Arbeitsstunden entscheidend, sondern Produktivität und Innovation werden eine immer wichtigere Rolle spielen, wenn Digitalisierung und in Zukunft KI Prozesse und Arbeitsmethoden auf den Kopf stellen. Das bedeutet, smarte Tools rund um Automatisierung auf der Baustelle so einzusetzen, dass sie beispielsweise die Kolonnen im Tief- und Straßenbau unterstützen, effektiver zu arbeiten. Es kommt darauf an, Mitarbeiter so zu entlasten, dass sie eben keine schweren körperlichen Arbeiten verrichten müssen und dann ihren Rücken oder die Bandscheiben kaputtmachen. Oder sie komplett aus der Gefahrenzone zu bringen.
Um Mitarbeiter für das Gewerbe zu begeistern, unternehmen Betriebe schon heute gewaltige Anstrengungen, das Personal an sich zu binden und Fachkräfte zu finden. Vitamine im Obstkorb nimmt man gerne mit, auch wenn das heutzutage kaum noch zieht. Stattdessen sind viele Baufirmen dazu übergegangen, die Viertagewoche einzuführen, damit ihre Mitarbeiter Privat- und Berufsleben besser unter einen Hut bringen können und den Anforderungen besser gerecht werden. Abstriche bei der Work-Life-Balance stoßen bei Arbeitnehmern auf wenig Begeisterung. Das zeigt sich auch daran, dass immer weniger Menschen bereit sind, für Montagearbeiten unter der Woche längere Abwesenheiten vom Wohnort und somit von Familie und Freunden in Kauf zu nehmen.
Der Arbeitsplatz als Wohlfühloase? Ein gutes Betriebsklima ist entscheidend für den Zusammenhalt im Team, wenn man Leistung auf der Baustelle oder im Büro erbringen muss und erwarten will. Doch muss gleich der Hund mit in den Bagger oder braucht es eine exklusive Abenteuerreise als Firmenevent? Mitnichten. Wertschätzung und Anerkennung der Leistung sind die Währung, auf die es ankommt. Mitarbeiter legen mehr denn je Wert auf kleine Gesten der Dankbarkeit für ihren Einsatz und ihre Leistung. Das motiviert – im besten Fall noch mehr aus sich herauszuholen. Dann ist die Kraftanstrengung kein Kraftakt, sondern gelingt fast nebenbei.
August 2025

