Benz Briefing: Arm in der Vorsorge ist nicht sexy

Eine Kolumne von Zeppelin CEO Matthias Benz

Anfang Januar wurde ein bislang kaum bedachtes Horrorszenario für einige Tage Realität: Teile Berlins waren plötzlich ohne Strom. Kein Licht, keine Heizung und nur eingeschränkte Kommunikation. Für manche eine Unannehmlichkeit, für andere lebensbedrohlich. In der Nachlese aber ist es eine Erinnerung daran, wie selbstverständlich funktionierende Energieversorgung für uns geworden ist und wie schnell diese ins Wanken geraten kann. Und in Anlehnung an einen ehemals Regierenden Bürgermeister Berlins: Arm in der Vorsorge ist nicht sexy.

Solche Ereignisse sind keine Randnotiz mehr. Sie zeigen sehr konkret, wie verwundbar unsere Energieinfrastruktur ist und wie stark Alltag, Wirtschaft und gesellschaftliche Stabilität von ihr abhängen. Ein gezielter Angriff hat weitreichende Folgen. Wer das für übertrieben hält, verkennt die Realität.

Was mir in Deutschland fehlt, ist die notwendige Ernsthaftigkeit in der Debatte. Ich vermisse bei vielen den „Sense of Urgency“. Wir diskutieren endlos über Energiewende und Transformation, aber am liebsten über Regulierung an sich. Die Frage, wie widerstandsfähig unser bestehendes – und ein angestrebtes – System ist, wird noch zu selten mit der gebotenen Konsequenz gestellt. Resilienz gilt vielen als abstraktes Thema, dabei ist sie längst überfällig.

Die Bedrohungslage ist offenkundig: Kritische Energieinfrastruktur steht durch Extremwetter, Komplexität der Netze und zunehmend durch Sabotage – aus dem In- und Ausland – unter Druck. Darauf müssen wir endlich reagieren. Nicht panisch-alarmistisch, sondern nüchtern und vorbereitet. Resilienz entsteht nicht in der Krise, sondern davor.

Das erkennt langsam auch die Politik. Mit dem Kritis-Dachgesetz schafft Deutschland einen übergreifenden Rahmen zum Schutz kritischer Infrastrukturen. Wenngleich die zugrunde liegende CER-Richtlinie der EU bereits vor einem Jahr hätte umgesetzt werden sollen – lieber spät als nie. Entscheidend ist jetzt, dass aus gesetzlichen Vorgaben gelebte Praxis wird und wir unsere Einstellung von Selbstverständlichkeit ändern.

Aus meiner Sicht sind dabei drei Punkte entscheidend: Erstens der physische und dabei bezahlbare Schutz von Anlagen und Netzen. Zweitens belastbare Back-up-Systeme und stress-getestete Notfallkonzepte. Und drittens eine eng verzahnte Zusammenarbeit zwischen Netzbetreibern, Behörden und der gesamten Wirtschaft. An diesen Schnittstellen entscheidet sich, ob Systeme nicht nur im Alltag, sondern auch im Ernstfall tragen oder versagen.

Dass Wirtschaft mehr sein kann als Lieferant und Beobachter, hat sich während des Berliner Blackouts gezeigt. Die Zeppelin Rental-Station vor Ort hat frühzeitig den Kontakt zum Krisenstab gesucht, Unterstützung angeboten und Verfügbarkeiten gemeldet. Der Abruf mobiler Stromerzeuger blieb letztlich begrenzt, unter anderem wegen fehlender Einspeisepunkte. Aber der Wille der Industrie, Bürgern und Wirtschaft beizustehen, Verantwortung zu übernehmen, war da und wird es bleiben.

Ich bin überzeugt, dass Resilienz eine Gemeinschaftsaufgabe ist. Politik kann Rahmen setzen und Behörden koordinieren. Aber ohne das Mindset, die Erfahrung und die Lösungskompetenz der Wirtschaft bleibt vieles Stückwerk. Wir brauchen auch Unternehmen, die bereit sind, bei Beratung, Planung und Umsetzung ihr Wissen einzubringen. Eine Allianz der Vernunft, die Vorsorge ernst nimmt.

Die Energieinfrastruktur ist das Rückgrat unserer Gesellschaft und Wirtschaft. Ihre Widerstandsfähigkeit ist keine technische Detailfrage, sondern eine strategisch höchst wichtige Entscheidung. Der Blackout in Berlin war ein Weckruf. Entscheidend ist, ob wir ihn als solchen begreifen und handeln – als deutsche Industrie sind wir aktiv dabei.

Februar 2026