Vor knapp einem Jahr waren die Hoffnungen noch groß: Neue Schulden für Investitionen sollten der maroden Infrastruktur auf die Sprünge helfen und zum Klimaschutz beitragen. Doch nun schlagen Wirtschaftsforscher des ifo-Instituts Alarm, weil die Mittel nicht genutzt wurden, um die Wirtschaft zu stützen, den Investitionsstau aufzulösen und die Infrastruktur zu modernisieren. „Wir haben festgestellt, dass die Politik die schuldenfinanzierten Mittel nahezu vollständig für andere Zwecke, also zum Stopfen von Haushaltslöchern, genutzt hat“, so ifo-Präsident Clemens Fuest. Die Politik widerspricht. In der Baubranche macht sich längst Ernüchterung breit. Umso wichtiger wird es, dass sich Bauunternehmen resilienter aufstellen, Prozesse verbessern, Innovationen einführen und Kosten senken.
In den vom ifo-Institut analysierten Daten zeigt sich, dass die Schuldenaufnahme 2025 im Rahmen des Sondervermögens um 24,3 Milliarden Euro erhöht wurde. Die tatsächlichen Investitionen des Bundes lagen um 1,3 Milliarden Euro über den Investitionen von 2024. Damit ergibt sich eine Lücke von 23 Milliarden Euro an zusätzlichen Schulden, die nicht in zusätzliche Investitionen geflossen sind. Die Zweckentfremdung ergibt sich dadurch, dass die Regierung die Investitionssumme im Kernhaushalt 2025 gegenüber 2024 reduziert hat. „Dazu gehören insbesondere Zuschüsse im Verkehrsbereich, weshalb im Kernhaushalt weniger investiert wurde als in den Vorjahren. Ein großer Teil der Investitionen im Sondervermögen ist deshalb nicht zusätzlich“, sagt Emilie Höslinger, Forscherin am ifo-Zentrum für Makroökonomik und Befragungen.
Die Wirtschaftsforschung bestätigt, was die Baubranche schon lange vermutet hatte: „Das Sondervermögen erfüllt die Erwartungen nicht: Die Mittel sind nicht zusätzlich, wie es die Bürgerinnen und Bürger verstanden haben. Es sorgt dadurch weder für den erwünschten, langfristigen Wachstumsimpuls, noch stellt es eine ausreichende Instandsetzung und Modernisierung unserer Infrastruktur sicher. Beide Argumente waren jedoch Grundvoraussetzung für die Aufnahme dieser Sonder-Schulden. Klar geworden ist: Wir brauchen eine verlässliche, überjährige und von den Haushaltszwängen unabhängige Infrastrukturfinanzierung. Deswegen müssen die im Koalitionsvertrag versprochenen Instrumente, insbesondere der Finanzierungskreislauf Straße und ein langfristiger Schienenfonds, mit Nachdruck vorangetrieben werden“, stellte Tim-Oliver Müller, Hauptgeschäftsführer im Hauptverband der Bauindustrie, klar.
Das Bundesfinanzministerium hatte am 23. Januar 2026 den vorläufigen Abschluss des Bundeshaushalts 2025 vorgestellt. Darin wird dargelegt: Die Investitionsausgaben konnten 2025 im Vergleich zu 2024 um mehr als zwölf Milliarden Euro gesteigert werden, doch der Mittelabfluss liegt damit deutlich unter den eingeplanten Investitionsmitteln. Als Grund wird die vorläufige Haushaltsführung genannt. Sie dauerte bis Oktober 2025 an. Außerdem wurden rechtliche Grundlagen für den Anteil des Sondervermögens von hundert Milliarden Euro für Investitionen in Ländern und Kommunen erst Mitte Dezember abgeschlossen, heißt es seitens des Bundesfinanzministeriums. Dem widerspricht das ifo-Institut: Das Argument sei nicht statthaft, weil dann hätten auch die Schulden nicht so stark ansteigen dürfen. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil räumt ein: „Die ersten Investitionen laufen an, aber es braucht noch mehr Tempo. 2025 sind längst nicht alle Investitionsmittel abgeflossen.“ Er fordert: „Jeder Euro muss so zügig, so effizient und so zielgerichtet wie möglich eingesetzt werden. Deshalb bleiben die Prioritäten klar: weniger Bürokratie, schnellere Planungen. Dafür haben wir unter anderem den Bauturbo, die Modernisierungsagenda und das Infrastrukturzukunftsgesetz auf den Weg gebracht. Damit kann schneller geplant, genehmigt und gebaut werden.“

Skepsis darüber herrscht in der Branche. „Ist der Politik der Ernst der Lage wirklich bewusst? Weiß sie um Deutschlands Standortkrise? Der bis 2024 aufgelaufene kommunale Investitionsstau beläuft sich auf 216 Milliarden Euro. Rund 70 Prozent des Güterverkehrs laufen über das Straßennetz – ein Netz, das seit Jahren unterfinanziert ist. Deutschland kann es sich schlicht nicht leisten, das Sondervermögen für andere Zwecke zu verfrühstücken. Die Investitionsausgaben im Kernhaushalt dürfen nicht weiter abgebaut werden. Verschiebungen zwischen den Töpfen müssen unterbunden und das Sondervermögen muss wirklich zusätzlich investiert werden“, fordert Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer Zentralverband Deutsches Baugewerbe.
In der Bauindustrie macht sich auch deshalb Ernüchterung breit, weil sich eine Zunahme von Insolvenzen abzeichnet. „Auch wenn es so scheint, als sei der Höhepunkt der Krise erreicht, sehen wir für die letzten fünf Jahre nahezu eine Verdoppelung der Nichtzahlungsmeldungen“, erklärt Frank Liebold, Country Manager Deutschland beim internationalen Kreditversicherer Atradius. Es sei davon auszugehen, dass die durch das Sondervermögen geschaffenen finanziellen Spielräume erst nach und nach wirksam werden. Bislang spiegelten sich die Impulse weder in den Auftragsbüchern des Baugewerbes noch in aktuellen Branchenumfragen wider. Hinzu kommt, dass bestehende Auftragsüberhänge erst abgearbeitet werden müssen, bevor neue Maßnahmen greifen. Für das Jahr 2026 rechnen die Experten mit einem moderaten Anstieg der Bauleistung um 1,4 Prozent, wobei die Wachstumskurve mittelfristig steiler verlaufen dürfte. Eine weitere Herausforderung ist sicherlich der anhaltende Fachkräftemangel. „Das Sondervermögen schafft zwar das nötige finanzielle Fundament, doch der eklatante Fachkräftemangel wirkt wie ein Flaschenhals. Ohne zusätzliche Kapazitäten wird es schwierig, die dringend benötigten Infrastrukturprojekte und Wohnungsbauvorhaben in der Geschwindigkeit umzusetzen, die der Markt jetzt fordert“, macht Frank Liebold deutlich. Nicht minder problematisch sei die überbordende Bürokratie. So muss man bei einem Tiefbauprojekt vor dem ersten Spatenstich mit 15 bis 25 Genehmigungen und Fachnachweisen rechnen. Für ein Straßenbauprojekt kann die Zahl der erforderlichen Genehmigungsschritte und Gutachten oft bei über 30 liegen. „Wir sehen zwar das Licht am Ende des Tunnels, aber der Weg dorthin bleibt steinig“, kommentiert Frank Liebold.
„Nach rund anderthalb Jahren neuer Regierung sind keine nennenswerten wirtschaftspolitischen Impulse aus der Politik zu spüren. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, aber jetzt können wir sie getrost zu Grabe tragen. Firmen, die weiterhin auf Hilfe aus Berlin hoffen, sind verloren“, behauptet Bau- und Immobilienfachmann Klaus-Peter Stöppler. Als Konsequenz aus dieser Erkenntnis rät er aber nicht etwa zum Aufgeben, sondern zum Zupacken. Der Bau- und Immobilienexperte ist regelmäßig als Interim Manager im Einsatz, um Unternehmen durch die Talsohle der deutschen Wirtschaft zu navigieren und stellt dabei immer wieder fest: „Es gibt so viele Stellschrauben in den Betrieben, um Aufträge zu generieren, Prozesse zu verbessern, Innovationen einzuführen und Kosten zu senken.“ Der Praxisprofi liefert Beispiele: „Oft bleiben ungenutzte Vertriebspotenziale liegen, weil Kundendaten nicht systematisch ausgewertet werden oder Angebote zu spät und ohne klare Differenzierung abgegeben werden. Gleichzeitig laufen interne Abläufe weiter wie vor zehn Jahren, obwohl sich durch Digitalisierung, Automatisierung oder eine andere Organisation der Wertschöpfungskette die Durchlaufzeiten drastisch verkürzen und Fehlerquoten reduzieren ließen.“ Zudem würden Innovationen häufig nicht erkannt oder jedenfalls nicht in vollem Umfang genutzt, hat er festgestellt.
Klaus-Peter Stöppler verweist beispielhaft auf den Einsatz von künstlicher Intelligenz im Baugewerbe: Studien zufolge nutzen höchstens 20 bis 25 Prozent der Unternehmen hierzulande KI, während die KI-Durchdringung in den USA in dieser Branche bei knapp 40 Prozent liege. „Vor allem ist das Niveau der KI-Nutzung in hiesigen Baufirmen noch auffallend niedrig“, weiß der Experte. Er gibt auch dazu ein Beispiel: „Wer heutzutage Microsoft Office nutzt, kommt an KI in Word oder Excel im Grunde gar nicht mehr vorbei, etwa beim Formulieren oder Kalkulieren von Bewerbungen auf Ausschreibungen. Aber das ist Lichtjahre von den Effizienzgewinnen entfernt, die sich mittels künstlicher Intelligenz an anderen Stellen in den Wirtschaftsketten im Baugewerbe erzielen lassen.“
Eine weitere Riesenchance, die jedoch von der Branche weitgehend vertan wird, sieht Klaus-Peter Stöppler in BIM. Zwar gewinne das in Deutschland allmählich an Bedeutung – aber auffallend langsam. So hätten im letzten Jahr nicht einmal 20 Prozent der Bau- und Ausbauunternehmen BIM-Software genutzt, sagt der Experte, „aber das damalige Ziel der flächendeckenden Durchdringung in der gesamten Branche liegt auch mehr als zehn Jahre später noch in weiter Ferne.“
Mehr Fortschritte macht er bei modularer und serieller Bauweise aus. So seien im letzten Jahr mehr als ein Viertel aller neuen Wohngebäude in Deutschland mit vorgefertigten Bauelementen errichtet worden. Warum der Anteil nicht höher ist? „Weil viele traditionelle Bauunternehmen weiterhin konventionell bauen, Planungs- und Genehmigungsprozesse lange dauern, die Baukosten für Serienbau oft nur bei sehr hohen Stückzahlen wirklich günstiger sind und es an ausreichend großen, standardisierten Projekten vor allem im Mehrfamilienhaus-Bereich mangelt“, erläutert Klaus-Peter Stöppler.
Ebenfalls als eine „zentrale Innovation“ bezeichnet er den 3D-Betondruck und weitere automatisierte Bauverfahren. „Auf Dauer werden sich digitalisierte und teilautomatisierte Bauprozesse durchsetzen, um Fachkräftemangel, Produktivitätsprobleme und hohe Baukosten zu adressieren“, ist Klaus-Peter Stöppler sicher. Er stellt indes auch klar: „Die unternehmerischen Aktivitäten können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Rahmenbedingungen nicht nur für die Bauwirtschaft in Deutschland verheerend sind.“ Er verweist exemplarisch auf die Überbürokratisierung der Bauämter, verbunden mit einer mangelnden Digitalisierung und einem eklatanten Personalmangel. „Die vagen Positivmeldungen der letzten Zeit sind noch kein Anlass zum Jubeln“, sagt er, „weil die strukturellen Probleme bislang keineswegs gelöst sind.“
April 2026

