Wenn seine Kollegen den Feierabend einläuten, beginnt für Matthias Will die zweite Schicht. Dem Bau von Dioramen im Maßstab 1:87 widmet er sich in seiner Freizeit, wenn er auf Montage unterwegs ist. Dreidimensional und detailgetreu stellt er im Modell reale Baustellenszenen im Miniaturformat nach und schafft für Schwerlastkräne, Sattelzugmaschinen und Baumaschinen eine Bühne. Als Polier von Hochtief Infrastructure und mit rund 40 Jahren Berufserfahrung in der Baubranche kennt er die Abläufe auf der Baustelle. Sein Arbeitsplatz liefert Ideen für die Dioramen, die so realistisch wirken, dass es scheint, als würde sich der Cat Bagger bewegen und seinen Löffel füllen.
Schon während seiner Ausbildung zum Betonbauer sammelte er Modelle von Baufahrzeugen. Anfangs waren es vor allem Lkw. Ein Schlüsselmoment war die Einladung zum letzten Hub des legendären Kran-Oldtimers Gottwald AK 850. Dort traf er auf die Giganten der Szene – Steyr 50 S 60 und MAN 48792 von Felbermayr. „Ab da war klar: Normale Speditionen sind nichts mehr für mich“, erinnert sich Matthias Will. Die Leidenschaft für den Schwerlastverkehr war entfacht.

Inzwischen ist seine Sammlung auf Sattelzugmaschinen von Felbermayr sowie Speditionen von Breuer und Wasel, Tiefbett-Hub-Plattformen von Goldhofer, Palfinger-Ladekräne sowie Begleitfahrzeuge angewachsen. Längst erweitern auch Baumaschinen sein Repertoire, wie die Cat Raupen D5 und D11 oder die Cat Bagger 395 und M318D. Doch Modelle in unzähligen Schubladen zu lagern? Viel zu schade, findet er. Deswegen baut er mit ihnen ganze Baustellen-Welten nach. Seit den 90er-Jahren nahm sein Hobby richtig Fahrt auf und Matthias Will begann, winzige Teile selbst anzufertigen. Hersteller wie Faller und Viessmann (damals Kibri) lieferten mit ersten Bausätzen für Bäume und Landschaften die Basis. Doch das reichte dem Modellbauer nicht: Er ergänzte die Szenerie beispielsweise um Ölspuren unter Hydraulikbaggern und malte auf die Baufiguren Reflektorstreifen von Hand auf, um dem echten Einsatz so nahe wie möglich zu kommen. Inzwischen greift er auf den 3D-Druck zurück, wenn er Rüttelplatten, 3D-Laser oder einen Verteilerschacht einbauen will.
Die Größe seiner Dioramen ist kein Zufall, sondern sie gibt seine Unterkunft vor: Dort muss eine Holzplatte mit 1,20 auf 0,60 Meter aus dem Baumarkt Platz haben. Darauf entwickelt er Schritt für Schritt eine Szenerie – zuerst mit Skizzen und Fotos. Dann modelliert er mithilfe von Styrodurplatten, die er mit einem Hobbymesser bearbeitet, und grauem Fliesenkleber die Kulisse. „Damit lässt sich eine Baugrube realisieren und man bekommt auch eine schöne Böschung hin“, führt der Modellbauer aus. Für die passende Farbgebung verwendet er wasserlösliche Farben – aus praktischen Gründen: Damit lassen sich Korrekturen vornehmen und sie sind einfacher zu reinigen.

In seinem Diorama hält Matthias Will einen besonderen Moment fest, wenn er Technik, Handwerk und Kreativität verknüpft. Mal stellt er den Baufortschritt am Berliner Verbau nach, mal setzt er eine Doka Rahmenschalung 1:87 beim Bau eines Bürogebäudes um. Immer wieder kommt er auf Felbermayr zurück: So zeigt er einen Intercombi-Transporter am Beispiel eines Bahntransports mit 16-achsigem Tragschnabel-Waggon. Oder er setzt den Aufbau einer Brückentragkonstruktion zum Einschwimmen oder Einfahren um.
Anregungen für all die verschiedenen Szenen liefert ihm sein Job. Seit dem Jahr 2000 ist er im Rückbau deutscher Kernkraftwerke tätig. Aktuell ist sein Arbeitsplatz beim AKW Gundremmingen. Dort wirkt er mit, dass Wege für die Logistik geebnet und Lagerflächen für den Materialumschlag geschaffen werden. Verschiedene Baumaschinen, wie auch ein Cat 300.9D, unterstützen dabei, die Betonstruktur auf eine transportierbare Größe zu zerkleinern.
Das nötige Hintergrundwissen für den Modellbau bezieht er aus seiner langen Berufserfahrung in den Bereichen Tunnelbau, Hochbau, Tiefbau, Brückenbau sowie Sanierungsarbeiten von älterer Bausubstanz. Daher kennt er die Abläufe, die er gestaltet, aus dem Effeff. Wenn er am Wochenende nach Hause in Richtung Veitshöchheim fährt, passiert er Baustellen an der A7, die ihm weitere Inspiration liefern. Auf der Fahrt kann er seine Gedanken schweifen lassen, welche Szene er als nächstes umsetzen könnte. Bis ein Diorama fertig ist, kann es Wochen dauern – zeitlich setzt er sich kein Ziel. Wichtig ist ihm, so lange an den Details zu feilen, bis alles für ihn perfekt ist. „Ich habe keinen Druck, sondern nehme mir die Zeit, die ich dafür brauche. Meine Familie toleriert mein Hobby und versteht, dass mein Herzblut daran hängt, aber wenn ich am Wochenende zu Hause bin, hat sie dann Vorrang“, erklärt er.
Längst hat er sich in der Modellbau-Szene einen Namen gemacht. Nicht zuletzt wurden viele Modellsammler auf ihn aufmerksam, als er bis 2012 als Aussteller der Messe „Modelshow Europe“ antrat. Seine Leidenschaft teilt er auch online. Auf LinkedIn und seinem YouTube-Kanal unter matthiaswill6517 zeigt er seine Projekte. Wer dort reinschaut, versteht schnell, warum ihn die Miniaturwelt so fasziniert und Schwerlastverkehr nicht nur was für die Straße ist, sondern seine Leidenschaft für Dioramen keine Größenordnung kennt. Außerdem ist er Teil einer großen WhatsApp-Modellbau-Community, mit der er sich austauscht und vernetzt. So führt er inzwischen auch Auftragsarbeiten für andere aus, die ihre Baumaschinenmodelle realitätsnah auf einer Baustelle präsentieren wollen. Gerade hat er eine Tunnelbaustelle realisiert: Er sollte den Standplatz für eine Tunnelbohrmaschine bauen. Auch für eine Gießerei in NRW soll er für die Präsentation auf Messen ein Diorama gestalten. „Momentan bin ich dabei, die Maße anhand von zahlreichen Fotos abzugleichen“, erklärt er und ergänzt: „Ich habe mir Plotter-Papier besorgt. Darauf zeichne ich das Modell im Maßstab 1:1. Wichtig sind für den Modellbau, dass die Proportionen stimmen. Ich habe schon genau vor meinem geistigen Auge, wie es später aussehen soll.“
November 2025

