Zahlreiche Gutachten, 146 Dateien und stapelweise Papier

Kein Material hätte Schicht im Schacht bedeutet. Seit 1953 baut die SWK Schotterwerk Kirchen GmbH & Co. KG unweit des Ehinger Teilorts Kirchen Kalkstein ab. Doch das Vorkommen geht zu Ende – eine neue Abbaufläche musste gefunden werden. Über elf Jahre dauerte die Odyssee des Genehmigungsverfahrens. Immer wieder mussten neue Pläne und Gutachten erstellt und das gesamte Projekt überdacht werden. Das Ergebnis: endlose Diskussionen und Gespräche, zahlreiche Gutachten, 146 Dateien, stapelweise Papier und Schriftverkehr, in denen der Nachweis erbracht werden musste, warum ein neues Abbaufeld an anderer Stelle nötig ist. „Ein Schotterwerk ohne Schotter funktioniert nicht“, bringt Walter Minst, Bergbauingenieur vom Schotterwerk Kirchen, das Absurdum auf den Punkt – selbst diese simple Logik musste gutachterlich erklärt werden. Im Frühjahr konnte endlich ein neues Kapitel aufgeschlagen werden. Ein Steinbruch, knapp ein Kilometer Luftlinie entfernt vom alten Standort, am Fischersberg im Alb-Donau-Kreis, darf nun erschlossen und für den kommenden Abbau vorbereitet werden, während die bestehende Gewinnungsstätte rekultiviert und renaturiert wird.

Ein bis zweimal wird in der Woche gesprengt, um das Material zu gewinnen.

Das mittelständische Unternehmen wird seit nun über 50 Jahren in dritter Generation von Elisabeth Minst-Bailer zusammen mit ihrem Sohn Walter Minst und ihrer Tochter Christine Minst geführt. Was sie erlebten, füllt eine ganze Schrankwand an Aktenordnern. Eine Hürde nach der anderen meisterte der Familienbetrieb bei der Suche nach einem alternativen Standort, der Zukunftssicherung und Fortbestehen bedeutet. Doch danach sah es nicht immer aus.

Bei der Standortsuche musste stets darauf geachtet werden, dass die Fläche weder in einem Natur- noch in einem Wasserschutzgebiet liegt, die erforderlichen geografischen Voraussetzungen erfüllt sind und die richtigen Rohstoffe in der erforderlichen Qualität vorhanden sind, damit ein Abbau aus ökonomischer Sicht sinnvoll ist. Ein Ausschlusskriterium waren Konflikte mit dem Natur- und Artenschutz – ein anderes die Belastung angrenzender Ortschaften durch Schwerlastverkehr. In die engere Auswahl kamen schließlich elf potenzielle Flächen, die von der Geschäftsleitung gemeinsam mit Gemeinde- und Behördenvertretern vor Ort inspiziert wurden. Sie lagen alle im Umkreis von zehn Kilometern um das bisherige Abbaugebiet, da dort die entsprechende Nachfrage nach Rohstoffen und der Marktraum des Unternehmens liegt.

Walter Minst (rechts) und Christine Minst (Zweite von rechts) zeichnen den Hindernislauf nach, den das Unternehmen bis zur erteilten Abbaugenehmigung bewältigen musste.   

Weitere Einschränkungen brachte die Windkraft mit sich. „Das war der nächste Stein, der uns in den Weg gelegt wurde, weil der Fischersberg unmittelbar an ein ausgewiesenes Windkraftvorranggebiet angrenzt. Als Maßstab für die gutachterlichen Bewertungen diente die derzeit größte Windkraftanlage der Welt. Dieser Stein konnte nach einer mehrjährigen Diskussion auch aus dem Weg geräumt werden, sodass das vom zuständigen Regierungspräsidium Tübingen durchgeführte Raumordnungsverfahren abgeschlossen werden konnte. Das sich anschließende Genehmigungsverfahren nach Bundesimmissionsschutzgesetz konnte beginnen.

Unter die Lupe genommen wurden ebenfalls verschiedene Möglichkeiten der Materialaufbereitung und des Transports. Schließlich lief alles auf die Variante hinaus, welche die Verlagerung der Aufbereitungsanlagen an den neuen Standort am Fischersberg nördlich der B 311 auf der Gemarkung Untermarchtal vorsieht. Das geplante Abbaugebiet umfasst eine Fläche von rund 31 Hektar. Doch bevor das sogenannte Anschießen des neuen Steinbruches durchgeführt werden konnte, mussten umfassende Vorbereitungen getroffen werden. Nötig war es, unter anderem ein Ersatzbiotop für Eidechsen zu schaffen, ein Konzept für die Haselmaus zu erstellen, für Ackerbrachen für die Feldlerche zu sorgen, 75 Vogel- und 25 Fledermaus-Nistkästen aufzuhängen und für den blau-schwarzen Eisvogel besonders geeignete Heckenbestände zu sichern. „Das alles haben wir umgesetzt“, so Walter Minst. Und dabei wurden Nerven und Geduld auf eine harte Probe gestellt. Als es auf die Zielgerade zuging, hatte der Antrag für das Projekt, als dieser eingereicht wurde, eine Dimension von 1 300 Seiten und über hundert Plänen erreicht. Im Herbst 2024 kam dann die erste positive Entscheidung in Form der Genehmigung für die vorbereitenden Maßnahmen, was bedeutete, die Deckschicht abzuräumen. Im Jahr 2025 erfolgte die finale Genehmigung. Seitdem wird der Steinbruch erschlossen und das Gestein aus dem Gebirgsverband mittels Sprengungen gelöst.

Mit Sekt und „Glück-auf-Kuchen“ wird der neue Standort eingeweiht. Fotos: Zeppelin

Damit ist der Weg frei, jährlich rund 500 000 Tonnen Rohstoffe bergmännisch zu gewinnen. Dafür muss im Steinbruch ein- bis zweimal in der Woche gesprengt werden. „Anfangs werden wir mit kleineren Sprengungen beginnen, die wir dann in ein bis zwei Tagen weggeräumt haben. Wir müssen erst eine gewisse Struktur ins Abbaugelände bringen. Später werden wir die Produktionsleistung sukzessive steigern“, erklärt Walter Minst.

Eine Schlüsselrolle übernimmt dabei zunächst ein Cat Kettenbagger 340. Er wird das Material direkt aufnehmen und eine mobile Brecheranlage beschicken. Damit nicht genug: Der Bagger wird auch einen großen Teil der Innenerschließung des Betriebsgeländes und des Erdbaus für die Fundamente der Anlagentechnik zur Weiterverarbeitung des Rohstoffes vornehmen, die zusammen mit neuen Büros und einer Werkstatt gebaut werden müssen. Hier kommt ihm dann seine Funktion der integrierten 2D-Steuerung zugute.

Über die nächsten 30 Jahre soll Kalkgestein am Fischersberg abgebaut werden. In Zukunft ist geplant, das Gestein direkt an der Wand mit einem Cat Radlader 980 auf einen Cat Muldenkipper 770 und einen Cat Dumper 735 zur Weiterverarbeitung zu verladen. Ein weiterer Cat Radlader 972 XE soll in Zukunft einen Teil der Rückverladung übernehmen. Welche Maschinentechnik am besten zu den Abbaubedingungen passt, klärt Zeppelin Gebietsverkaufsleiter Reiner Schmid von der Niederlassung Ulm im direkten Austausch mit dem Schotterwerk. „Das Genehmigungsverfahren zog sich über 3 991 Tage hin. Das war mitunter eine große Belastung für das Unternehmen und die Unternehmerfamilie. Doch durch den neuen Steinbruch Fischersberg konnten die 25 Arbeitsplätze für die Zukunft gesichert werden“, beschreibt Walter Minst.

Dass der Abbau einvernehmlich weiterhin in der Region erfolgt, ist dem Familienunternehmen ein großes Anliegen. „Im gesamten Verfahren gab es keinen Widerstand aus der Bevölkerung. Das wissen wir sehr zu schätzen, aber wir haben die Öffentlichkeit in unser Vorhaben schon frühzeitig und immer eng eingebunden“, unterstreicht Diplom-Kauffrau Christine Minst. Das macht sie an Beispielen konkret. „Wir leben seit Generationen in der Region und mit der Region. So unterstützen wir primär die Vereine vor Ort und nehmen auch an anderer Stelle Rücksicht auf unser Umfeld: Durch den Lkw-Verkehr verschmutzte Straßen werden umgehend gereinigt. Das sind Kleinigkeiten, aber die machen ein gutes Verhältnis eben aus“, meint Christine Minst.

Erklärtes Ziel ist es, eine ortsnahe Rohstoffversorgung im Einvernehmen zu gewährleisten. „60 Prozent unseres Kalksteins bleibt im Umkreis von rund 25 Kilometern, weitere 20 Prozent gehen in den Umkreis von hundert Kilometern. Die restlichen 20 Prozent werden deutschlandweit und sogar in weiteren europäischen Ländern vertrieben“, so Walter Minst. Kalkstein findet seinen Einsatz hauptsächlich im Tief- und Straßenbau. Aber auch Natursteine, die heutzutage häufig im Landschaftsbau verwendet werden, gehören zu den Anwendungen. Das im Schotterwerk Kirchen geförderte und verarbeitete Kalkgestein kann für weit mehr als nur diese Klassiker genutzt werden. Kalk dient auch als Düngemittel in der Landwirtschaft. Außerdem hat die Industrie Bedarf. Konkret geht es um Weißjuramehle und Weißjurakörnungen, die eine feinere Körnung als Babypuder aufweisen können. Diese bilden die Grundlage von vielen Produkten wie zum Beispiel für die Glasproduktion oder für die Herstellung von Teppichböden und Designbelägen. Der hochreine Kalk wird auch in der Trinkwasseraufbereitung in verschiedensten Regionen Deutschlands genutzt, um das Trinkwasser zu entsäuern. Das kann nun dank des neuen Standorts auch in Zukunft so bleiben.

August 2025