Wann die Bagger rollen

Ein Kommentar von Sonja Reimann

Wieder ist ein Jahr vorbei, ohne dass sich die Hoffnung auf Besserung erfüllt hat. Zu lange schon dauert das Warten darauf, dass der Bau-Turbo zündet und eine ganze Branche mitreißt. Die Projekte sind bekannt, Baufirmen stehen bereit und die Bagger könnten längst loslegen. VBI-Präsident Jörg Thiele identifiziert das Problem: „Bislang kommt das Sondervermögen in den Ingenieurbüros nicht an. So wird die Infrastruktur in Deutschland in den kommenden drei Jahren nicht spürbar besser.“ Sie verliert weiter an Substanz: Brücken altern und Straßen sowie Schienen stoßen an ihre Belastungsgrenzen. Währenddessen durchlaufen Ausschreibungen Prüf- sowie Bearbeitungsschleifen mit der Folge, dass die Mittel nur zögerlich freigegeben werden.

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Ausgerechnet der Bagger ist inzwischen zum politischen Hoffnungsträger geworden. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil ging auf Werbetour für das Sondervermögen und erklärte, die Bagger würden endlich rollen. Das klingt nach Aufbruch. Doch Deutschlands Investitionsstau lässt sich nicht mit ein paar rollenden Baggern wegmoderieren. Entscheidend ist, ob Maschinen bundesweit arbeiten können, weil Projekte finanziert, geplant, genehmigt und ausgeschrieben sind. Der Bagger braucht schließlich keinen politischen Markenbotschafter – er braucht einen Auftrag.

Es ist paradox: Auf der einen Seite werden Investitionen historischen Ausmaßes angekündigt. Auf der anderen Seite bleiben nötige Projekte in der Warteschleife. Ein Riesenproblem: eine unzureichende Finanzierung. Das könnte sich ändern, wenn die Bundesregierung die Finanzierung der Autobahn GmbH neu ordnet und diese dann begrenzt Kredite aufnehmen kann. Dabei macht jeder Monat Verzögerung Projekte teurer und jedes Jahr Stillstand verschärft die Probleme. Kosten steigen, weil sich die Anforderungen infolge von Inflation, steigenden Materialpreisen und Personalkosten ändern oder weil sich Baustandards geändert haben.

Die Frage lautet längst nicht mehr, ob wir uns Investitionen leisten wollen, sondern ob wir uns das Warten leisten können. Wie teuer das werden kann, zeigt die Sperrung der Bonner Nordbrücke. Schon 2025 errechnete eine ADAC-Studie mögliche wirtschaftliche Schäden von mehr als 170 Millionen Euro pro Jahr. Die Warnsignale waren bekannt, die Konsequenzen absehbar. Doch man ignorierte die Probleme. Stattdessen wird die Infrastruktur weiter auf Verschleiß gefahren. Wer notwendige Investitionen aber immer wieder nach hinten schiebt, zahlt am Ende doppelt: durch Staus, Umwege, Produktionsausfälle und wachsende wirtschaftliche Schäden.

Die eigentliche Gefahr für Deutschlands Infrastruktur ist längst nicht mehr der Sanierungsbedarf allein, sondern ob wir noch in der Lage sind, die Infrastruktur planbar zu modernisieren. Tunnel, Autobahnabschnitte und Brücken sind die Lebensadern einer funktionierenden Volkswirtschaft – hier steht ein Staat in der Pflicht, nicht nur neue Vorhaben zu versprechen, sondern deren Finanzierung und Umsetzung dauerhaft sicherzustellen.

Dass wir nicht nur im Schneckentempo bauen können, sondern es auch anders geht, zeigen Projekte wie die Hochstraße Elbmarsch mit der K 20, Deutschlands längste Autobahnbrücke, die sieben Monate früher fertig wurde. Auch die Rahmede-Talbrücke wurde Ende 2025 und nicht erst Mitte 2026 für den Verkehr freigegeben. Der Neubau der Abensbrücke war vier Wochen vor dem geplanten Termin fertig. Ein Bauabschnitt des Ausbaus der B404 zur A21 wurde ebenfalls zwei Wochen früher als ursprünglich vorgesehen realisiert. Wenn Planung, Entscheidungen und Ausführung ineinandergreifen, kann die Branche Tempo. Bauunternehmen können komplexe Infrastrukturprojekte unter schwierigsten Bedingungen umsetzen. Man muss sie nur ranlassen.

Das Problem ist, dass wir das Bauen verkompliziert haben. Unser Drang zum Perfektionismus hat dafür gesorgt, dass wir nicht mehr fragen, was sinnvoll ist, sondern ob alle Eventualitäten wirklich ausgeschlossen werden können. Falls es nur einen Hauch von Zweifel gibt, wird lieber noch eine Studie in Auftrag gegeben. Wer Milliardenprogramme beschließt, ohne die Prozesse zu beschleunigen, darf sich nicht wundern, wenn die erhoffte Wirkung ausbleibt. Die unangenehme Wahrheit lautet: Jeder Tag, an dem eine Brücke nicht erneuert, ein Gleis nicht gebaut oder eine Straße nicht saniert wird, geht zulasten von Fortschritt. Jede vertagte Entscheidung kostet uns Wohlstand. Wenn wir hier nicht bald die Kurve kriegen, werden wir die verlorene Zeit nicht einholen.

Oktober 2026